Visual Leader 2015: „Die fetten Jahre sind vorbei.“

Visual Leader Gründer Horst Wackerbarth im Interview:

Visual Leader 2015 – eine Fotoausstellung der besten Fotografien und Bildstrecken in Print- und Online-Medien laden zur Zeit im Haus der Fotografie in Hamburg zum Schauen und Staunen. Große Namen der Bildlichtkunst sind vertreten – Roni Horn, Cindy Sherman, Thomas Struth, Thomas Demand dokumentieren eindrucksvoll das Weltgeschehen.

Den Mut der für die Veröffentlichung verantwortlichen Redaktionen pries Jury-Vorsitzende Markus Peichl in der Eröffnungsrede . Print-Titel steigerten dadurch ihren Anspruch als mediale Qualitäts-Führer. Anschaulich getürmt im zentralen Ausstellungsraum lagen sie da auch bereit für die Vernissage-Stürmer: LifeStyle- und Mode-Magazine, Wochenend-Supplements der großen Tageszeitungen, all die schönen papiernen Dinosaurier mit ihren Fotostrecken, die noch bis zum 8. November 2015 an den Wänden der Deichtorhalle flanierbar betrachtet werden können.

Foto: Wackerbarth

Gründer der Visual Leader ist Horst Wackerbarth, renommierter Fotograf und Schöpfer des Rote-Couch-Projekts. Welle deluxe bekam ihn nach einem Arbeitstag in den Wäldern Nordrhein Westfalens ans Telefon, während er nebenbei den Transport seines Roten Sofas organisierte.

Welle d.: Die Ausstellung Visual Leader findet in Hamburg große Aufmerksamkeit, an den Wochenenden stehen die Leute Schlange, um sich die Fotostrecken aus Printmedien anzusehen. Dabei heißt es doch, Print sei tot. Macht brillante Fotografie Totgesagte wieder lebendig?

 „Ein riesiger Gedächtnis- und Erinnerungsschwund.“

Horst Wackerbarth: Durch die digitale Revolution ist Fotografie eine reine Kunstgattung geworden, die in Galerien und Museen stattfindet. Prindmedien und Werbung sind für Fotografen heute völlig unwichtig. Daten werden in Massen produziert, niemand selektiert, redigiert und editiert mehr wirklich! Es entsteht ein riesiger Gedächtnis- und Erinnerungsschwund. Heute bildet sich doch jeder Handynutzer ein, er würde sehenswerte Fotos schießen. Da kommt viel digitaler Müll heraus, aus meiner Sicht ist das ein großer Qualitätsverlust.
Welle d.: Du hast 1990 die Akademie Bildsprache gegründet, den Vorläufer der heutigen Lead Academy, die jährlich die besten Fotostrecken in Printmedien aussucht und prämiert. Der Grundgedanke war, die Bedeutung und Qualität von Fotografie in redaktionellen Zusammenhängen deutlicher sichtbar zu machen – war das damals notwendiger als heute?

„Die Arbeitsbedingungen für Fotografen sind mies.“

Wackerbarth: Print versucht, durch Qualität zu überleben. Das ist wahrscheinlich die einzige Chance, wenn es sich bald auch um Nischenmagazine handeln wird. Aber die fetten Jahre sind ganz klar vorbei. Die Arbeitsbedingungen für Fotografen sind heute doch total mies, die verdienen nix. Heute schicken die Redaktionen Praktikanten zum Fotografieren, keine Redaktion beauftragt mehr richtig gute Fotografen. Tolle Strecken entstehen eher in freien Projekten.
Welle d.: Wie arbeitest Du heute?

„Bist Du noch analog unterwegs?“
Horst Wackerbarth Fotografie-Workshop
Foto: Horst Wackerbarth

Wackerbarth: Seit dem 1. Juli arbeite ich digital. Bis dahin habe ich analog gearbeitet, aber das kann ich mir gar nicht mehr leisten. Das Material ist irre teuer. Ich habe einen Test gemacht: mit meiner Analog-Kamera, einer Sinar 8 x 10, und 4 Digital-Kameras das gleiche Motiv aufgenommen und 2 x 3 m große Abzüge gemacht. Die Digital-Kamera mit dem besten Ergebnis habe ich mir gekauft.
Welle d.: Und wie hältst Du es mit der Nachbearbeitung?
Wackerbarth: Ich versuche, das Meiste im Original zu machen. Minimale Änderungen nehme ich dann schon mal vor, z.B. ein Verkehrszeichen, das stört, rausnehmen. Das Couch-Projekt ist der Authentizität verpflichtet, da verbietet es sich von selbst, viel nachzubearbeiten.
Welle d.: Viele Fotografen sind in den Sozialen Medien präsent – präsentierst Du Deine Arbeit auf Instagram oder Facebook & Co?

„Meine Plattformen sind Ausstellungen und Bildbände.“

Wackerbarth: Das meiste ist für mich der reine Zeitdiebstahl. Auf Facebook stellen Leute für mich so Making-Of-Sachen. Ausstellungen und hochwertige Bildbände, das sind meine Plattformen.
Welle d.: Zurück zu den Visual Leader. Findest Du sie heute überhaupt noch wirklich notwendig im Sinne Deiner Gründungsabsichten?
Wackerbarth: Damals wollte ich durch die Initiative „Bildsprache“ die Qualität der Bilder verbessern, wie Don Quichote bin ich gegen die Windmühlen geritten. Heute interessiere ich mich nicht mehr groß für Werbung und Medien. Es gibt Wichtigeres, z.B. Kunst. Es waren wichtige Erfahrungen, damals, das schon.
Welle d.: An welchen Projekten arbeitest Du gerade?

„Ich will mich von August Sander befreien.“

Wackerbarth: Ich arbeite an einem Portrait Nordrhein Westfalens, es ist eine Bestandsaufnahme in 100 Bildern und 100 Videos. Es wird eine Internetseite dazu geben und eine Ausstellung, die auf Wanderschaft geht. Ich war in China, in Südamerika, überall. Aber das Land, wo ich herkomme, das kenne ich gar nicht. Es ist wie ein Nach-Hause-Kommen.
Außerdem habe ich noch eine Rechnung mit August Sander offen. Er ist ein riesen Vorbild für mich und von ihm will ich mich befreien.

Das NRW-Portrait von Horst Wackerbarth wird ab dem 15. September 2016 im NRW-Forum Düsseldorf gezeigt

Die Arbeit von Horst Wackerbarth im Netz: Website und auf Facebook

Horst Wackerbarth bei der ARbeit
Horst Wackerbarth bei der Arbeit

 

 

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