Venedig/ Hamburg, Herman de Vries/ Jenny Schäfer, *1931/ *1985

Fundstück von Herman de Vries
Herman de Vries, collected: reserve géologique de haute provence,“Sculptures Trouvées“ im Ernst Barlach Haus

Ein bärtiger Greis/ eine junge Frau, ein ruhmreicher Biennale-Pavillon in Venedig/ die stille F.C. Gundlach Bibliothek im Hamburger Haus der Photographie, das Ernst Barlach Museum im Jenischpark/ die kleine Straßengalerie EINSTELLUNGSRAUM e.V. an der Wandsbeker Chaussee.

Gegensätze, auf den ersten Blick, viel Gemeinsames auf den zweiten.
Aggregatszustände von Jenny Schäfer beim Artist Talk in Hamburg
Artist Talk: Präsentation von Jenny Schäfer

Herman de Vries und Jenny Schäfer – beide sind Sammler, Entdecker, Wahr-Nehmer. Beide werden sie zurzeit in Hamburg öffentlich präsentiert. Wenn du Lust hast auf dieses Gegensatzpaar, dann bewegst du dich vom Verkehrslärm der Wandsbeker Chaussee zum hochherrschaftlich stillen Garten-Idyll des Jenischparks an der Elbe. Oder vice versa.

„Tretet ein, auch hier sind Götter.“
Jenny Schäfer präsentiert ihre Arbeit beim Artist Talk
Präsentation von Jenny Schäfer beim Artist Talk in Hamburg

Der Freundeskreis des Hauses der Photographie lud zum Artist Talk, erzählender Weise stellte die junge Künstlerin Jenny Schäfer sich und ihre Arbeiten unter obigem Titel vor. Ihr Medium ist in erster Linie die analoge Fotografie, sie erkundet Räume, Landschaften, Städte, sammelt Spuren, Strukturen unter projekthaften Leitideen wie „Forschung und Leere“, „Resonanzen und Notizen“ oder „Aggregatzustände“.

„Worte sind wie bewegte Bilder im Raum.“

„Für mich sind Worte wie bewegte Bilder im Raum“ erläutert sie – schillernd kupferrote Haare und leuchtend tintenblaues Kleid – ihre Beziehung zum Visuellen. Wie sie erzählen auch ihre Fotos Geschichten, jedoch in Chiffren, die ohne ihre Führung eher schwer zugänglich blieben.

Disneyland Paris: „Eigentlich sehr traurig“
Die Hamburger Künstlerin Jenny Schäfer
Jenny Schäfer präsentiert ihre Arbeit beim Artist Talk

An Orten wie Chemnitz, Magdeburg, Marne la Valé bei Paris findet sie ihre Motive und deren Bedeutungen. Rückt die in Chemnitz omnipräsente Verwendung einer bestimmten Gesteinsart aus dem Paläozoikum (vor 281 Mio Jahren) in die Wahrnehmung. Stellt die trostlosen Schnittstellen von inszenierter Disneyland-Traumwelt zu durch nüchterne Funktionsbauten zerstörter Landschaft bloß.

Jenny Schäfer widmet sich dem Unbemerkten, Übersehenen, eröffnet der Wahrnehmung Zwischen-Ebenen und überrascht mit ihrem unter-der-Oberfläche-suchenden Blick. Bis zum 26.02.2016 findest du hier Arbeiten von Jenny Schäfer. Auch auf ihrem Blog.

Mehr Wahres: Blätter, Äste, Steinchen, Muscheln, Erde
Dokumentationswand im Pavillon der Niederlande von Herman de Vries
Muschelsplitter aus der Lagune: Herman de Vries, Biennale in Venedig 2015

Zwischen, neben und gegenüber den wunderbar kunstvoll ausgearbeiteten Barlach-Figuren findet der Besucher des Ernst Barlach Hauses heute ursprünglich belassenes Material. Von menschlicher Hand in Form gebracht durch ihre Anordnung, die Zusammenstellung und die Präsentation als Sammlung, archivierte „Objets trouvés“ – gefundene Dinge. Herman de Vries ist der glaubwürdigste Doppelgänger des Weihnachtsmanns mit weißem Rauschebart und nicht erst seit der Biennale 2015, auf der er den niederländischen Pavillon bespielte, zu internationalem Ruhm gekommener Meister der Findenden.

Herman de Vries Wunschheimat: der fränkische Steigerwald
Herman de Vries: im Ernst Barlach Haus
Herman de Vries: from the shore of loch dùghaill, 1986, „Sculptures Trouvées“ im Ernst Barlach Haus

Als ausgebildeter Biologe und Botaniker widmet er sich bereits seit den 50er Jahren dem Aufspüren, Finden und Sammeln. Seine Muse ist die Natur, darum lebt er fernab seiner Heimat im schönen Franken – genauer gesagt: im Steigerwald, einer dicht bewaldeten Landschaft zwischen Nürnberg und Würzburg. Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht, doch Herman stromert durch den Forst, klaubt Holzstücke, Äste, Steine auf, ordnet sie für unsere Blicke: „Seht her!“

„Alles ist schon da. Ich mache bloß darauf aufmerksam.“
Herman de Vries: From Earth: Italy
220 Erdfarben von Italienischem Boden auf der Biennale von Herman de Vries

Nicht nur in Franken – für die Biennale durchstreifte er mehrere Inseln der Lagune und sammelte Erde in ganz Italien. Auf Papier gerieben eröffnet sich ein reiches Farbspektrum an Rot, Ocker, Gelb- Brauntönen bis hin zu Anthrazit und sogar grünlich wie auch bläulich schimmernden Blättern – 220 Erdtöne Italiens. Auf den kanarischen Inseln wie in der Provence klaubte de Vries Steinchen auf und arrangiert sie in Rahmen zu dokumentarischen Landschafts-Bildern. Wie auch Eichenbaumstümpfe, Äste, dornige Rosenzweige, Müllreste, Scherben, Muscheln aus der Lagune…

„Wahrnehmung – ich nehme es, weil es wahr ist.“
Herman de Vries: Gräser aus der Lagune von Venedig
Herman de Vries: Gräser aus der Lagune von Venedig

Arrangements wie diese, im Angesicht der Barlach’schen Kunst, durch bewusste Legung und Hängung in Bezug zur Geometrie der lichten Räume sowie des streng anthrazitfarbenen Steinfußbodens gebracht, schenkt der gesamten Präsentation eine große Spannkraft und stellt starke Bezüge her. Ein kurzer Film über Herman de Vries lässt den Künstler zu Wort kommen, seinen Schönheitsbegriff erklären: „Ästhetik bedeutet ‚zur Wahrnehmung fähig‘. Ich nehme es, weil es wahr ist. Es ist schön, weil es wahr ist.“ Wie wahr.

Dornenzweige von Herman de Vries im Ernst Barlach Haus
Dornenzweige von Herman de Vries im Ernst Barlach Haus

Die Ausstellung „Sculptures Trouvées“ kannst du noch bis zum 16. Mai 2016 hier besuchen.
Hier eine Besprechung auf

Deutschland Radio Kultur.

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