Quo vadis, Welt? Gute Aussichten: junge deutsche Fotografie in Hamburg!

„Was kann ich als Kurator den Besuchern zumuten?“
Gute Aussichten. Junge Deutsche Fotografie 2016
Aras Gökten, aus der Serie „Arkanum“

fragt Ingo Taubhorn, Kurator des Hauses der Photographie. Und präsentiert temperamentvoll die neun Preisträger der aktuellen Ausstellung „Gute Aussichten“. Die Jahresshow bietet dem ambitionierten Fotografen-Nachwuchs zum 12. Mal in der südlichen Deichtorhalle ein renommiertes Forum – „wir präsentieren junge Künstler sehr respektvoll, wie die großen Stars“ beteuert Taubhorn zur Preview letzten Donnerstag vor dem Freundeskreis des Hauses seinen achtvollen Umgang mit den Arbeiten und ihren Erschaffern.

Nichts Abgehagenes, vom Kunstbetrieb Zermürbtes
Gute Aussichten. Junge deutsche Fotografie 2016 - Preview des Freundeskreises
Kurator Ingo Taubhorn und 8 der 9 Preisträger bei der Preview des Freundeskreises

Im Vergleich zu den Großen der Szene seien diese „nicht zermürbt durch den Kunstbetrieb“ und „gerade nicht, was wir als abgehangen aus den 80er und 90er Jahren gewohnt sind“, schmettert er als eines der neu Jury-Mitglieder enthusiastisch seinem Publikum entgegen. Ob sich da wohl jemand auf die Zehen getreten fühlt? Jedenfalls sind ja gerade die Stars der 80er und 90er ziemlich gut im Geschäft und werden auch im Haus der Fotografie nicht ungern und unter regem Zuspruch gezeigt. 😉

Ob sich da wohl jemand auf die Zehen getreten fühlt?
Motiv aus der Serie "Rattenkönig" von Kamil Sobolewski
Kamil Sobolewski, aus der Serie „Rattenkönig“

Man denke an die Riege der Becher-Schüler, die heute schwindelerregende Summen für ihre Produktionen erzielen, allen voran Gursky oder Ruff. Aber auch an eine eigenwillig verfremdend arbeitende Sarah Moon, deren melancholische Schau gerade in ebendiesen Räumen zu Ende gegangen ist. Ganz zu schweigen von den glücklichen Großen, die die Sternstunden der Werbe- und Modefotografie seit den 60ern/70ern in vollen Zügen erleben und fotografisch mitgestalten konnten. Grand Monsieur Gundlach ist schließlich der Gründungsvater des Hauses der Photographie …
(Siehe dazu auch den Beitrag „Die fetten Jahre sind vorbei“ weiter unten)

Zurück zu den heute Jungen:
Gute Aussichten – Junge Deutsche Fotografie 2016: Gregor Schmidt
Aus der Serie „Waiting for Quatar“ von Gregor Schmidt

Sie schwelgen nicht mehr im Glamour der gehobenen Konsumwelt – sie setzten sich mit dem auseinander, was ihre und unsere Welt aktuell prägt, bedrängt, bedroht. Und das sind laut Proklamation auf den Texttafeln am Eingang nichts Geringeres als „Migration, Klimawandel, Globalisierung, eine wachsende Weltbevölkerung bei ungleicher Verteilung von Nahrung und Gütern, die maximale Ausnutzung aller Ressourcen, der Kampf um Rohstoffe und geopolitische Einflussnahme.“ Uff.

Nichts Geringeres als Migration, Klimawandel, Globalisierung & Co.
Foodies zwischen asiatisch, deutsch und international. Von Kyung-Nyu Hyun.
„Nahrungsaufnahme“. Foodies von Kyung-Nyu Hyun zwischen asiatisch, deutsch, globalisiert.

Kurz gesagt: „Die Frage, wohin die Reise geht.“ Tja, und die neun  durchwegs sympathischen Absolventen deutscher Kunsthochschulen, die sich aus der Menge der 104 eingereichten Portfolios hervorheben konnten, zeigen mutig ihre Antworten – vielleicht auch nur ihre Assoziationen, die Ergebnisse ihrer ganz besonderen Wahrnehmung. Der Einleitungstext fliegt da schon sehr hoch ein.

Von technisch abstrakt bis zum täglichen Brot der Fotografin

Die Spannbreite der gezeigten und prämierten Portfolios ist dabei extrem groß. Einige fotografische Positionen verlangen vom Betrachter die Bereitschaft, sich von einer sehr konzeptionellen bis technisch-abstrakten Seite der Bilderstellung bzw. der Gedankenwelt der jungen Fotografen zu widmen, andere sind greifbar im Alltäglichen verhaftet, ohne deshalb in die Banalität abzudriften. Wie Kyung-Nyu Hyun, die eine Art „Food-Book“ erstellte mit nichts anderem als Aufnahmen ihres asiatisch-deutsch-international geprägten täglichen Brots. Oder Aras Gökten mit seinen futuristisch anmutenden Reflektionen moderner Urbanität.

FAZIT: Hingehen und die Gurskys von morgen treffen!
Kolja Linowitzki: Malerei mit digitalem Licht
Malerei mit digitalem Licht von Kolja Linowitzki

Dem Spannungfeld zwischen archaischen Herrschaftsstrukturen und „moderner Wissensökonomie“ nähern sich die Fotos von Gregor Schmidt unter dem Titel „Waiting for Qatar“ mit einem Augenzwinkern. Die irgendwie krassen Schwarz-Weiß-Bilder von Kamil Sobolewski dagegen ziehen in schwer zu verortende Abgründe, er nennt seine Serie „Rattenkönig“. Die eher technisch-abstrakte Fraktion der Exponate musst du dir selbst zu Gemüte führen und eine Meinung dazu finden – oder auch nicht? Ich empfehle einen Besuch der Ausstellung allen, die den Gurskys und Ruffs, den Moons und vielleicht auch Gundlachs von morgen heute schon begegnen wollen.

Gute Aussichten. Junge deutsche Fotografie 2016
Gute Aussichten.

Die Ausstellung „Gute Aussichten“ kannst du noch bis zum 17. April im Haus der Photographie in Hamburg besuchen.

Petra Pokorny

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