Zug durch die Kunstwelt: Genzken, Kentridge und Berlin Biennale

Zug durch die Kunstwelt: William Kentridge, Isa Genzken und die Berlin Biennale for Contemporary Art
Kentridge Filmraum im Gropiusbau, Berlin
Momentaufnahme aus der Film-Installation „More Sweetly Play the Dance“

William Kentridge ist seit der letzten documenta 2012, wo er mit seiner Film-Installation „The Refusal of Time“ die Besucher in eine Traumwelt entrückte, auch bei uns bekannt geworden. Sein künstlerisches Portfolio überspannt sämtliche Darstellungsformen, seine Bildsprache ist gewaltig und meist in Schwarz-Weiß-Kontrasten gehalten. Als in Südafrika Geborener mit Eltern, die sich gegen das Apartheitssystem engagierten, befasst sich seine Arbeit auch mit den Gegensätzen von Schwarz und Weiß, Natur und Intellektualität, afrikanischem Kult und westlicher Kultur. Dabei mit viel Humor und einer Fülle skurriler Einfälle.

Ein Sammelsurium an Werkstücken, die doch alle ein großes Ganzes bilden
Kleine Skulptur von William Kentridge
Kleine Skulptur von William Kentridge

Die Ausstellung im Gropiusbau führt dich durch Räume des Lichts und Räume der Dunkelheit. Zwei „Wunderkammern“ eröffnen einen stauenden Blick auf die kreative Vielseitigkeit sowie die inspirativen Quellen des Künstlers: Zeichnungen, Collagen, kleine Skulpturen, Videos und einige der Bilder klassischer Meister aus Kentridge’s eigenem Haus – sämtliche in Schwarz-Weiß.

William Kentridge im Gropiusbau, Berlin
Filmsequenz „More Sweetly Play the Dance“

Dazwischen dunke Räume mit wandfüllenden Film-Installationen, einige davon in Scherenschnitt-Anmutung, untermalt mit eigens dafür komponierter Musik. Eine surreale, bizarre Welt, in die du abtauchst und deren Wirken du durch den multimedialen Ausstellungskatalog mit nach Hause nehmen kannst: die Filme lassen sich über eingedruckte Codes auf SmartPhones und Tablets abspielen.

Von Kentridge’s Welt des Staunens zur medialen Gegenwart der „Digital Natives“
Berlin Biennale 2016
Stop looking at me like I’m the future

„The Present in Drag“ heißt so viel wie „die verkleidete Gegenwart“ und ist das Motto der diesjährigen Berlin Biennale.

Berlin Biennale 2016
Die Welt der Digital Natives?

Verstellt, geschönt oder einfach unerträglich transparent gemacht durch die stets präsenten medialen Begleiter nimmt das New Yorker Jung-Kuratoren-Kollektiv unsere Realität auf’s Korn. Mit einer Bildsprache, die Klischees verhöhnend bedient und die Schein-Realität der virtuell entstandenen Bildwelten in unseren Köpfen ins Bizarre erhöht. Ob Rauminstallationen, Videos in Videos, Selfiekulturen-Kitsch oder künstliche Landschaften unter permanenter Kameraüberwachung – vieles ließ mich unbeeindruckt, ja, ratlos „so what“ achselzuckend zurück.

Den Ist-Zustand mehr überhöht darstellend statt ihn zu dechiffrieren.
Blick von der Akademie der Künste, Berlin
Blick auf Berlin-Wahrzeichen von der Akademie der Künste

So sieht sie aus, die Welt der Digital Natives? Wenig, was nicht schon längst gezeigt, gesagt, in Frage gestellt worden wäre. Aus meiner Sicht. „Die Arbeiten sind zu leicht, zu glatt, zu beliebig – zu viel Display, zu wenig Tiefgang.“ kommentiert auch Ute Thon vom art Magazin, ihr Fazit: „Flach ist das neue tief.“ D’accord.  Toll fand ich nun wieder einige der Locations wie z.B. die Akademie der Künste gleich neben dem Brandenburger Tor. Spektakulär der Blick auf Berliner Wahrzeichen im fotogenen Ensemble. Schade aber, dass es keine unbekannten, unberührten Winkel Berlins zu entdecken gab, wie sonst auf den früheren Biennalen.

Absolutes Highlight der Biennale: The Feuerle Collection

Fotoarbeiten von Josephine Pryde im Bunker The Feuerle Collection Fotoarbeiten von Josephine Pryde im Bunker The Feuerle Collection

Fotoarbeiten von Josephine Pryde im Bunker
The Feuerle Collection am Halleschen Ufer: was berührt dich?

Josephine Pryde auf der Berlin Biennale 2016

 

 

Im Bunker an Halleschen Ufer tauchst du ab in kühl-gruftige Abgeschiedenheit, wo wir den Nucleus der Biennale entdeckten. Rechter Hand entlang der endlos wirkenden Bunkerhalle, erstreckt sich eine Fotoserie von Josephine Pryde,  ein Miniaturzug ermöglicht dir, die Bilder im Vorbeisausen – vorwärts wie rückwärts – sozusagen flüchtig wahrzunehmen. „The New Media Express“ heißt die spielerisch wirkende Installation, die echt Vergnügen macht.

„Du siehst auf dein Handy, hast vollen Empfang, aber keine Verbindung.“
The Feuerle Collection: The New Media Train
The New Media Train

kommentiert die Einführungstafel diesen Teil der Berlin Biennale. Die Hände auf den sehr reduziert wirkenden Fotografien sind in Berührung – mit Handys, dem eigenen Körper, einem Papier-Ausdruck, du ahnst es: auch hier die Schnittstelle zwischen dem Ich und dem Medium als Thema, wovon lässt du dich berühren? steht als Frage im Raum. Endlich mal ein intelligenter Gedanke.

Nazar-Motive als „Fenster zu einer Welt globaler Mobilität“
Arbeit von Yngve Holen auf der Berlin Biennale
Sollen den bösen Blick abwehren: Nazar-Motive als Fensterreihe

Ästhetisch in seiner Transparenz auf der gegenüberliegenden Wand eine Serie von farbigen Glasobjekten des Berliner Künstlers Yngve Holen. Mit großen Pupillen blicken sie dich an, schillernd und reflektierend – in Form von Flugzeug-Kabinenfenstern der „Dreamliner“ Boeing 787. Nach orientalischer Tradition wenden Nazar-Motive den bösen Blick ab. Laut Texttafel werfen sie „einen Blick auf die Themen Aberglaube, Wirtschaft, Tourismus und gesellschaftliches Unbehagen“.

Arbeit von Yngve Holen auf der Berlin BiennaleKann schon sein. Auch ohne diese Kunsterklärung wirkt die Installation sehr poetisch und metaphernreich, berührt dich nun wirklich in ihrer trasparenten Schönheit und blickreichen Stille. Zu sehen auch in der Einzelausstellung Holens in Basel.

„Transparenz kann den Schatten nicht verbergen“ steht da zuletzt – ok.

Schon sind wir zurück im Gropiusbau, diesmal bei Isa Genzken, wo ein Überblick über das bisherige Schaffen

Isa Ganzken im Gropiusbau Berlin
„Weltempfänger“ von Isa Genzken, Arbeit aus den 80ern

der 1948 geborenen Künstlerin präsentiert wird. Natürlich gehört sie altersmäßig NICHT zur Generation der „Digital Natives“, doch ihre Themen sind ganz nah dran, nur eben viel früher aufgegriffen, mehr gegen den Strich gebürstet und überhaupt frecher, kultiger als das Meiste auf der vom Anspruch her ach so jetzt-zeitigen Berlin Biennale.

„MACH DICH HÜBSCH“ der Titel. „Wie – hübsch?“ fragt sich die Besucherin.
Isa Ganzken im Gropiusbau Berlin
„Fuck the bauhaus“

Schon im riesigen Atrium des prächtigen Baus wirst du durch überlebensgroß fotografierte Frauenohren in die Ausstellungsräume gezogen. Innen herrscht eine Menge Unordnung – viel Buntes steht da herum. Genzkens Arbeit gilt auch als Auseinandersetzung mit Urbanität und Architektur – „fuck the bauhaus“ lautet der Titel für eine Serie von wilden Farb- und Materialmix-Skulpturen, die zwar von der Präsentation her wie konventionelle Architekturmodelle daherkommen, dem Genre aber kreativ-kraftvoll die unkontrollierte Faust aufs Auge hauen.

Konventionellen Darstellungsformen haut Genzken die kreative Faust aufs Auge

Isa Ganzken im Gropiusbau BerlinIm ironischen Dialog mit dem Ausstellungmotto „Mach dich hübsch“ stehen unterschiedliche Figuren in Phantasy-Kostümen, faschinghaft kitschig bis androgyn-sexy, die teilweise dem Kleiderschrank der Künstlerin entstammen sollen. Eine Reihe Nofretete-Büsten mit coolen Sonnenbrillen und angesagtem Make-Up sind dem Aufruf ebenfalls gefolgt, auf ewig dem Schönheitswahn verfallen.

Der süße Duft blühender Lindenbäume hängt über der sommerlichen Hauptstadt

vor allem die großen Alleen in Mitte und Kreuzberg bespielen deinen Geruchssinn. Ach, Berlin, was biste schön! In Sachen Kunst zur Zeit nicht zu überbieten, jedenfalls nicht in good old Germany.
Petra Pokorny

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