Nordseensucht: Amrum, Sylt und Föhr im Spätsommer

Zwischen den Wettern auf Sylt

Abschied vom Sommer – ach, bleib doch noch …

Oje, der Sommer dreht seine Abschiedsrunde – die letzten warmen Tage wollen optimal genutzt sein. Also: Schnell nochmal ans Meer, wo Sonne und Wind deine Haut berühren, die Wellen bei Flut an den Strand schäumen und bei Ebbe sich eine endlose Weite dem Auge öffnet, auf der das Licht gleißt bis das Land den Himmel berührt. Sehnsucht nach der Nordsee ist von Hamburg aus leicht zu stillen: rauf auf die Nord-Ostsee-Bahn und direkt bis Westerland auf Sylt durchzockeln oder in Niebüll Richtung Mole auf die kleine Pendelbahn wechseln, die dich geruhsam zur Fähre nach Föhr und Amrum transportiert.

Kein Schnack: Gott wohnt gleich hinterm Deich
gotteswohnung
Der heilige Geist weist dir den Weg

Wenn Du wissen willst, wo Gott wohnt – immer Richtung Deich liegst du richtig! Zwischen abgeernteten Feldern und mannshohen Maisstauden-Spalieren, zwischen Dagebüll und Niebüll weist dir ein Schild mit dem heiligen Geist on top ganz diesseitig die Richtung. Norddeutsch-trockener Humor? Ländliche Frömmigkeit? Nein, ganz einfach: die Wahrheit.

Einmal Amrum, immer Amrum.
Abendlicht über Amrums Dünenlandschaft
Abendlicht über Amrums Dünenlandschaft

Jetzt ist es so: es gibt Leute, die lieben Amrum. Weil Amrum eine richtige Insel ist (Sylt irgendwie nicht, weil per Hindenburgdamm mit dem Festland verbunden, quasi Halbinsel, sagen die Amrumer). Weil die Kniepsand-Düne einzigartige Ausmaße erreicht, weil du nirgendwo sonst soviel Freiheit erlebst bei einem Strandspaziergang. Weil die Dünenlandschaft dich wie auf einem fremden Planeten gestrandet fühlen lässt und der Leuchtturm bei Norddorf dir zuverlässig wieder den Weg in die heimische Koje weist.

Down to earth und so nah am Wasser
Nordseensucht: Amrum, Sylt und Föhr
Nordstrand nach dem Regen

Amrum ist einfach wunderbar. Der tollste Strand auf der ganzen Welt, ehrlich. Die Wattseite ist auch ok, vom Hafen in Wittdün kannst du da mit dem Fahrrad die gesamte Insel hochfahren, am Ort Nebel vorbei immer mit Blick auf’s flache , manchmal fischige Gerüche verbreitende Watt – echt, schön. Auf dem Campingplatz hinter Wittdün bist du ganz Teil der unwirklichen Dünen-Meer-Kulisse, hier kommst du selbst an vollen Ferientagen im besten Sinne down to earth. Eine unbeschreibliche Mischung aus wohliger Geborgenheit und Grenzenlosigkeit stellt sich ein, wenn du nachts in deinem Zelt liegst und der benachbarte Leuchtturm in regelmäßigen Abständen seine Lichtkegel über deine Zeltwände gleiten lässt. Du weißt das Meer so nah – und kuschelst dich behaglich in deinen Schlafsack.

Kultur-Highlight: das LichtBlick Inselkino
Lichtblick Inselkino auf Amrum mit openair-Programm
Openair-Kino in Norddorf

Last not least: Das LichtBlick Inselkino in Norddorf, wichtige Kultur-Institution mit vielfältigem Programm vom Kinderfilm bis zur Cineasten-Auslese, wenn du mal Abwechslung vom Sonnenuntergang brauchst oder es einfach mal regnet, was schon mal vorkommen soll. Spektakulär das alljährliche Openair-Kino auf dem neu gestalteten Kinovorplatz.

Mit der Fähre von Amrum zur Südspitze Hörnum auf Sylt
Schiffsroute Amrum-Sylt
An der Mole in Wittdün

„Keine Garantie, dass die Sie mitnehmen!“ lautet die Ansage beim Kartenkauf für den Transfer von Mensch+Fahrrad per Schiff von Amrum nach Sylt. Gebranntes Kind durch unsere Bornhom-Erfahrung, stand ich denn doch etwas ängstlich am Anleger der Adler-Schifffahrt in Wittdün. Die Alternative wäre eine Zugfahrt bis Niebüll und Umsteigen nach Dagebüll und Umsteigen auf die Fähre nach Amrum gewesesn – ziemlich umständlich also.

Von Leuchtturm zu Leuchtturm: Schifffahrt Amrum - Sylt
Tschüss Amrum – moin Sylt

Glück ahoi, die Radler wurden auf dem Ausflugsdampfer umstandslos mitgenommen. Das erste Mal, dass ich die Königin des Nordfriesischen Insel-Triumphirats von der See her erreichte, die Route führt auf der Strandseite Amrums entlang der Kniepsandküste und der nächste Leuchtturm hinter Norddorf ist dann schon Hörnum. Die Passagiere hingen über der Reling, nicht wegen des hohen Seegangs, sondern um ja auch nur alle möglichen Leuchtturm-Ansichten, die die Überfahrt bietet, zu fotografieren bzw. zu filmen.

Wer das erste Mal nach Westerland kommt, denkt, das darf nicht wahr sein
Stand auf Sylt, Klappholttal
Na klar, der Strand auf Sylt ist super

Bei Sylt hast du ja gleich Bilder im Kopf: du denkst an Promis der 60er, Gunter Sachs und so, an die Sansibar, an Kampen mit seinen Juwelieren und der Whiskystraße, Porsches, Gucci-Täschchen usw.. Alles wahr. Aber auch: Westerland und seine ultra-spießigen Hotels und Pensionen, der total hässlichen Fußgängerzone sowie dem Hochhäuser-Brutalismus – wer hat hier eigenlich diese Bebauungspläne verabschiedet? Auf diesem Blog gibt’s keine Fotos davon. Wer das erste Mal hier landet, denkt, das darf doch nicht wahr sein.

Nicht weitersagen: im Klappholttal ist Sylt weder schickimicki noch ultra-spießig
Heidelandschaft zwischen Kampen und List
So duftet Heide nur auf Sylt!

Doch dann, doch dann: der Radweg von Westerland nach List hoch entspricht der alten Inselbahn-Trasse, zuerst zwischen den intensiv duftenden Wildrosenhecken hindurch nach Wenningstedt, dann an Feldern und Wiesen entlang nach Kampen – Augen zu und durch – und dann durch Heideflächen, die nicht nur während der Blüte im August ihr sagenhaft würziges Aroma verströmen, Dünengras, kurze Blicke aufs Meer – ach – einfach soooo schön!

Die Akademie am Meer – Refugium der Inspiration auf der Insel des Geldes
Sylt Klappholttal
Der Holzsteg führt dich direkt zum Strand und ist der einzige Ort mit Netz-Anschluss

Kaum zu glauben, doch es gibt ein Refugium auf Sylt, das von Immobilienhaien noch nicht gekapert wurde, wo Heide und Dünen mit einfachen kleinen Häuschen bebaut sind, ein Areal für Erholungs-, aber auch geistige Bereicherung Suchende: die Akademie am Meer im Klappholttal. Ob du Qui Gong oder Shiatsu lernen, rituelle Tänze zu Ostern aufführen, das winterliche Biikebrennen oder die Vogelwelt der Watt-Landschaft kennenlernen möchtest – all das und noch viel mehr kannst du hier ganz unaufgeregt, eine Welt entfernt vom Spekulantentum Kampens, für dich entdecken.

Sylt Sonnenuntergang
Mein 738. Sonnenuntergangs-Foto von hier aus

Wer sich hier zu einem der Kurse einquartiert, benötigt nichts weiter. Zum inspirierenden Programm kommt die vielseitige Rundum-Verköstigung, ein Holzsteg führt dich direkt an Strand und Meer, der Radweg nach List und Kampen streift die Anlage. Einstmals als Mutter-Kind-Erholungsheim geführt, gehört das Gelände zur Volkshochschule List, deren Angebot allen Interessierten offen steht.

Drei ungleiche Schwestern: Föhr, die Rundliche
Nordseensucht: Föhr bei Ebbe
Ebbe bei Föhr

Föhr wieder ist ganz anders. Normaler. Es gibt noch richtige Dörfer mit Bauernhöfen; nicht die gesamte Infrastruktur ist auf den Tourismus konzentriert. Mit Wyk besitzt Föhr eine Inselhauptstadt mit gewachsener Struktur, auch wenn natürlich Gastronomie und Touri-Läden dominieren, so gibt es hier doch auch noch ein „normales“ Alltagsleben – anders als z.B. auf Sylt, wo ein fester Wohnsitz selbst für die Sylter kaum mehr finanzierbar ist.

Föhr: Watt und Ross und Reiter
Reiter im aufflutenden Watt

Verglichen mit Amrum und Sylt sind Föhrs Strände eher harmloser, wilde Nordseewellen branden hier – der geschützteren Lage wegen – weniger. Bei Ebbe fallen ausgedehnte Flächen trocken, weite Spaziergänge in das Watt werden dann möglich, oder auch Ausritte, denn Pferde und Reitställe gibt es eine Menge.

Föhr: Teestube in Nieblum
Teestube in Nieblum

Ortschaften wie Nieblum gelten als kleine friesische Schmuckstücke – Teestuben, Cafés, Gasthöfe lassen es dir an nichts fehlen. Radfahrer können auf Landwegen die ganze Insel bequem erkunden und dabei viel Schönes entdecken.

Überraschung in Alkersum: das Kunstmuseum der Westküste
Museum der Kunst der Westküste in Alkersum
Grethjens Gasthof: Kunstmuseum der Westküste

Das doch eher provinzielle Image Föhrs erhält seit einigen Jahren – genau seit 2009 – eine unerwartete Aufwertung für Kunst-Interessierte. Im recht stillen Örtchen Alkersum konnte – aufbauend auf der Stiftung eines privaten Sammlers – das Museum der Kunst der Westküste gegründet werden. Mit einer beachtlichen Sammlung impressionistischer Künstler, allen voran Werken von Max Liebermann, fokussiert auf den Themen-Schwerpunkt „Meer und Küste“.

Jochen Hein: Kochende See, 2015, 130x180
Jochen Hein: Kochende See, 2015, 130×180

Im Einklang mit diesem programmatischen Schwerpunkt präsentiert das Museum zur Zeit den Hamburger Künstler Jochen Hein mit gleich zwei Ausstellungen, die großen Beifall finden, wie nicht zuletzt auch das Besucherbuch dokumentiert. Mehr zum Westküsten-Museum und ganz besonders zu Jochen Hein in Kürze bei Welle deluxe 🙂

Petra Pokorny

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