Milano Art Espresso: kurz zu M. C. Escher, schnell noch in die Fondazione Prada

Hässlich, arrogant, attraktiv: die vielen Seiten Mailands.
Milano, Stazione Centrale
Gigantisch großartig: der neoklassizistische Kopfbahnhof Mailands

Zwischen zwei Zügen ein paar Stunden Aufenthalt in Mailand bewusstseinserweiternd nutzen – was geht da? Ganz ehrlich: die Stadt ist nicht schön, ein Schaufensterbummel durch die Modestraßen mit ihren Versaces, Dolce & Gabbanas etc. ganz ok, den menschenbelagerten Duomo hast du schon gesehen, die wunderschöne Mailänder Galleria mit ihren Cafés  und wenig spektakulären Geschäften schnell durchschritten. Und nun? Na, Kunst geht immer. Und wenn du schon einmal im Touristenzentrum der Wirtschaftsmetropole gelandet bist, wirst du hier natürlich fündig:

Maurits Cornelis Escher, niederländische Grafiker-Ikone mit Italien-Faible.
Maurits Cornelis Escher Ausstellung im Palazzo Reale, Milano
Interaktive Spielerei via Smartphone und du wirst zum Escher-Motiv

Auf der anderen Seite des Doms lädt der Palazzo Reale zu wechselnden Ausstellungen, die allerdings alle einzeln bezahlt werden müssen. Schwankend zwischen M.C. Escher und dem japanischen Altmeister Hokusai zieht mich eine interaktive Installation, bei der du als Betrachter selbst zum Protagonisten eines bekannten Escher-Motiv mutierst, magisch weiter in den hinteren Palasttrakt mit seinen angestaubten Samt-Vorhängen. In der sehr konventionellen Schau schreitest du anhand zahlreicher Drucke und vieler Original-Grafiken von Wand zu Wand die Entwicklung der niederländischen Grafik-Ikone ab, die sich über Jahrezehnte maßgeblich in Italien vollzogen hat.

Italien war in den 1920er- und 1930er-Jahren Eschers Muse
M. C. Escher Ausstellung im Palazzo Reale in Mailand
Das Original

Bis 1935 lebte der Grafiker, der das visuelle Paradoxon liebte, in Rom. Auf zahlreichen Reisen durch Italien ließ er sich in den 20er und 30er Jahren in vielen seiner räumlichen wie auch figürlichen Darstellungen von der Renaissance-Architektur Norditaliens wie der Natur Apuliens inspirieren. Familienfotos zeigen ihn mit Künstlerfreunden beim Wandern und Skizzieren, Ansichtskarten dokumentieren Eschers Reisen durch dieses Land, das ihn künstlerisch so bereicherte und ihm seelisch einfach guttat.

Du wirst selbst zum Escher-Motiv
Droste-Effekt in der Maurits Cornelis Escher Ausstellung in Milano
Der Droste-Effekt: du bist Motiv eines Bildes, in dem du ein Bild betrachtest, wo du Betrachter …

Doch du bleibst nicht nur in der Rolle des Betrachters, sondern wirst selbst zum Motiv. Neue mediale Techniken lassen dich Maurits Cornelis Eschers genial ausgeführtes Handwerk interaktiv erleben, wie ja bereits äußerst publikumswirksam im Eingangsbereich geschehen. Du kannst dich via Kamera als zentrales Motiv eines Videos bestaunen, das den sogenannten Droste-Effekt (nach einer Kakaopackung so benannt) nachvollzieht: du bist Betrachter eines Bildes, in dem du ein Bild betrachtest, das dich als Betrachter darstellt usw..
Die Escher-Ausstellung findest du noch bis zum 22.01.2017 in Mailand, dann wandert sie nach Singapur.

Nach Venedig jetzt auch in Mailand: die Fondazione Prada
Fondazione Prada in Milano
Neues trifft auf Altes, Nüchternes auf reines Gold

Wenn dich heutige Kunst interessiert, dann nimm am besten gleich von der Stazione Centrale aus die Metro 3 bis zur Station Lodi und sieh dir den neuen Standort der Fondazione Prada Milan an, Eröffnung war vor gut einem Jahr im Juni 2015. Mich hat schon der für eine Kunstpräsentation perfekt modernisierte Palazzo der Prada-Kunststiftung in Venedigs erster Lage am Canale Grande umgehauen. Was an anerkannter Edelkunst Rang und Namen hat, wird da effektvoll in Szene gesetzt. Und jetzt Mailand: die Gegend um eine breite Bahngleis-Schneise scheint sich gerade vom randständigen Asiaviertel zum In-Quartier zu mausern, die Gentrifizierung lässt grüßen.

Star-Architekt Rem Koolhaas schuf ein Ensemble mit besonderen Räumen
Fondazione Prada Milan: Wegbereiter der Gentrifizierung
Wegbereiter der Gentrifizierung

Auf dem Gelände einer ehemaligen Destillerie konnte sich Star-Architekt Rem Koolhaas austoben. Hier geht es nicht um Restaurierung und Bewahrung alter Bausubstanz, hier trifft Modernes auf Altes, Funktionales auf Oppulenz, schafft neue Begegnungen, Räume und Reibungsflächen. Eigentlich musst du Zeit mitbringen, wenn du das alles erkundest. Schade, dass ich sie nicht hatte, der Nachtzug sollte nicht ohne mich nach Hamburg düsen.

Neues trifft auf Altes, Nüchternes auf reines Gold
Fondazione Prada Milan: der Baby-Wickeltisch sieht aus wie das Ende eines Industrie-Laufbandes
Damentoilette mit Wickeltisch im Industrie-Design

Im Eingangsraum empfängt dich knallhartes Industrie-Design, das selbst auf der Damentoilette mit dem Wickeltisch, der aus der Wand ragt wie die Ausgabe eines Produktionsfließbandes, nicht Halt macht. Anhand eines Lageplans wird dir das  Gelände erklärt, denn der Aufbau ist dezentral und unterschiedliche Ausstellungen verteilen sich auf dem Terrain in verschiedenen Gebäuden, die es zu erkunden gilt.

Louise Bourgeois im Turm stimmt dich auf das Genre „Installationen“ ein
Louise Bourgeois in der Fondazione Prada Milan: Louise Bourgeois gehört zur Sammlung Prada
Mehrere Werke von Louise Bourgeois gehören zur Sammlung Prada

Also, wenn düster-kahle Räume in einem außen hochkarätig vergoldeten Turm gleich mit einer der seltsam schaurigen Louise Bourgeois Installationen aufwarten, ist das schon ein klares Statement. Mit Ausnahme der momentanen, umfangreichen William N. Copley Werkschau ziehen dich vornehmlich raumgreifende Installationen in ihren Bann. Nach der Grand Old Lady Bourgeois führt Robert Gober auf den nächsten Stockwerken das Thema kindliche Hilflosigkeit, Missbrauch und Einsamkeit in klaustrophobisch wirkenden Räumen fort. Irgendwie ganz passende Turm-Themen, man denke nur an Rapunzel etc.

William N. Copley Retrospektive: seine Sammlung, sein Lebenswerk
Wand mit Bildern von William N. Copley
Wand mit Bildern von William N. Copley

Der in seinen jungen Jahren den Surrealisten zugewandte Amerikaner William N. Copley wird in einer bunten Fülle präsent: die persönliche Kunstsammlung mit Werken von Tinguely, Magritte, Max Erns, Man Ray und anderen setzt den Rahmen für seine eigenen Arbeiten, deren stilistische Entwicklung bis in die 90er Jahre hinein nachzuvollziehen ist.

William N. Copley in er Fondazione Prada MIlan: Detail aus einem Riesen-Wandschirm von Copley
Detail aus einem Riesen-Wandschirm von Copley

Seine Themen sind – nun ja, schon vielfältig, doch im Zentrum stehen eigentlich immer: Frauen, Brüste, Sex. Meist auf durchaus humorvolle Weise und im Kontext zu seinen Schaffenszeiten – die 70er Jahre sind stark vertreten – ja auch gesamtgesellschaftlich zu verstehen. Copley wird der US-amerikanischen Stilrichtung des abstrakten Expressionismus zugeordnet. Hm. So sehr abstrakt kann ich seine Arbeiten eigentlich nicht finden, eher im Gegenteil. Aber urteile selbst.

Eine weitere Grand Old Lady der Kunstszene: Betye Saar
Betye Saar in der Fondazione Prada Milan
Assemblage von Betye Saar

Eine Menge zu schauen und zu entdecken gibt es in der Betye Saar Ausstellung. Zweckentfremdete Gegenstände wie von einem Südstaaten-Vintage-Flohmarkt fügt Saar zu bunten Assemblagen zusammen, die nicht selten bilderbuchartig kindlich daherkommen, dir aber beim näheren Hinsehen das Blut in den Adern gerinnen lassen. Rassismus,

Betye Saar: Aufriss eines Sklavenschiffes auf dem Boden
Aufriss eines Sklavenschiffes

Sklaverei, Ausbeutung sind die Themen der 1926 geborenen Künstlerin, die sich mit der Geschichte ihrer Vorfahren in den USA offensiv auseinandersetzt. Trotz dieser Ernsthaftigkeit haben die Exponate etwas wunderbar Poetisches und Vielsagendes. Ein unsichtbarer roter Faden spinnt sich für mich hier von Louise Bourgeois zu dieser Black Lady über den Hof der Fondazione.

Edward Kienholz und Nancy Reddin Kienholz setzen den Themenreigen fort
Edward Kienholz: Filmszene wie aus einem Südstaaten-Thriller
Edward Kienholz: Filmszene wie aus einem Südstaaten-Thriller

Ebenfalls US-amerikanische Künstler, die sich mit Installationen ausdrücken und politische Sujets mit krassen Mitteln vor Augen führen: Edward Kienholz und Nancy Reddin Kienholz hatte ich schon im Rahmen der Biennale von Venedig kennengelernt. Zurzeit sind viele Räume der Fondazione von ihren raumfüllenden Werk beherrscht – am intensivsten eine Nachtszene in einem nur von Scheinwerfer-Spots beleuchteten Tatort rassistischer Lynch-Justiz.

Edward Kienholz & Nancy Reddin Kienholz in der Fondazione Prada Milan
Edward Kienholz & Nancy Reddin Kienholz

Auch, wenn ich all diese beachtlichen und engagierten wie relevanten Darbietungen leider so ziemlich im Galopp durchlaufen bin, so kann ich einen Besuch der Fondazione nur wirklich empfehlen. Als Mailand-Nichtfreundin ein Grund, doch noch einmal einen Stopp in dieser aus meiner Sicht unfreundlichen Großstadt einzulegen!
Petra Pokorny

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