Wehmütiger Blick zurück: Herbst am Comer See

Wege gibt es hier viele. Ziele ebenso.
Blick von Varenna auf Bellagio
Panorama von der Ostküste aus bei Varenna auf Bellagio und die Vereinigung der beiden See-Arme
Wandern am Comer See: Marienkult am Weg überall, hier in Barna
Die Mutter Gottes begleitet dich auf allen Wegen, hier in Barna

Mit Wanderführern überwerfe ich mich grundsätzlich. Aber auch ohne kommst du auf den zahlreichen Wanderwegen rund um den Comer See an dein Ziel – denn Ziele gibt es hier so viele und alle sind sie lohnenswert. Die erste Routenbeschreibung im „Kompass-Wanderführer“ habe ich schnell im Rucksack begraben, um mich fortan am – kostenlos in der Touristeninfo erhaltenen – Heftchen mit mehrsprachigen Tourenanleitungen rund um Menaggio zu orientieren.

Der See zeigt sich in stets wandelndem Licht und unzähligen Blau-Variationen
Wandern am Comer See – Überfahrt von Menaggio nach Varenna
Auf der Überfahrt vom Westufer – Menaggio – zum Ostufer – Varenna – mit Blick auf Bellagio

Doch auch davon hatte ich schnell die Nase voll – du möchtest schließlich mit den Augen über den See schweifen, das sich verändernde Licht in dir aufnehmen und die modrig-fruchtigen Düfte des Herbstes schnuppern, statt deine Aufmerksamkeit an schwer deutbare Wegbeschreibungen zu fesseln.

Spannender als Wegbeschreibungen: Zeichen deuten und ihnen folgen.
Wandern am Comer See: Wegweiser sind oft Mangelware, man interpretiert, was man sieht.
Der dubiose gelbe Pfeil führt schon igendwo hin, oder?

Fortan orientiere ich mich auf dem Weg über Menaggio in die Berge an einem gelben Pfeil, der regelmäßig auf die Straße und an Mauern gemalt erscheint. Ob der allerdings nur die tägliche Route des Müllmanns beschreibt, ist mir nicht klar.

Wandern am Comer See: Blick auf den Lago und seine Verzweigung
Almengebiet über Menaggio auf der Westseite

Vertrauen ist alles. Und Freude in dieser Gegend beim Wandern garantiert. Also los, alte Pfandfinderseele!
Irgendwann ist der Pfeil futsch, ich stiefele weiter, immer bergan, vorbei an verlassenen Sommer-Almen, durch Maronen-Wälder, steinige Pfade, bedeckt von glitschig-modrigen Blättern.

Am Anfang steht immer: die Bar
Wandern am Comer See: Bar
Bar „Binario tre“ an der Stazione Varenna

Die Reise fängt gut an: die Bar an der Stazione Varenna, an der ich spät abends lande, ist noch offen und gefällt mir sofort. Bleiben kann ich leider nicht, denn meine Airbnb-Unterkunft liegt in Perledo, einem Bergdorf oberhalb des Touri- und Hafenortes Varenna am Lago die Como.

Der Lago die Como verzweigt sich nach Süden hin.
Der Lago die Como verzweigt sich nach Süden hin. Die Italiener sagen, er sehe aus wie eine Frau mit gespreizten Beinen …

Schon die Fahrt mit der Bahn von Zürich nach Mailand und dann weiter mit der Regionalbahn hierher ist spektakulär: Seen, Berge, tolle Panoramen, wow. Mein Taxi wird von Monica gefahren, „una bionda“, wie der Barmann mir beschreibt. Aha. In Germania ginge sie als Brünette durch.

Etwas verschlafen, atmosphärisch schön: Perledo
Ehemaliger Lebensmittelladen in Perledo

Sie bringt mich in den verschlafenen Ort Perledo, wo Autos an der Bar Milano halten, weil sie in die kopfsteinbepflasterten Gassen des Ortskerns nicht fahren können/dürfen. Das Bergdorf mit seinen alten Steinhäusern ist bereits in Dunkelheit gehüllt, spärlich beleuchtet von gelben Lichtkegeln vereinzelter Straßenlaternen. Nur in der Bar die Männer des Ortes vor dem TV, wahrscheinlich calcio, Fußball. Später hole ich mir hier Wein und Wasser und merke sofort: frau stört.

Das Bergdorf Perledo liegt für Wanderer ideal
Die Viandante führt dich auf alten Handelswegen die Ostküste entlang
Perledos alte Kirche im Morgenlicht

Monica zeigt mir den Weg zur Cà Mia, dem B&B von Matteo, das ich auf Airbnb gefunden habe. Auf mein Klingeln hin kommt Matteo und zeigt mir die Unterkunft. Das Haus, in dem er mit seiner Mutter lebt, gehört zum Ortskern von Perledo, direkt daran führt die Viandante vorbei, eine alte Handelsroute an der Ostseite des Comer Sees, der du heute auf über 45 km zu Fuß folgen kannst. Ostseite bedeutet im Herbst: die Sonne erreicht erst ab mittags die Hänge, was im Sommer vorteilshaft sein mag.

In 10 Minuten von der Ostseite zur sonnigeren Westseite
Die Viandante führt dich auf alten Handelswegen die Ostküste entlang
Die Viandante führt dich auf alten Handelswegen die Ostküste entlang

Überhaupt gibt es von hier aus eine Menge Wandermöglichkeiten. Zum See und der Anlegestelle der Fähren, die dich regelmäßig mit den anderen Ufern verbinden, kommst du allerdings entweder mit dem selten und nach nicht ganz transparenten Regeln kursierenden Bus oder in einer halben Stunde direttissimo bergab zu Fuß. Oder natürlich mit dem Auto, falls du motorisiert anreist. An der sonnigen Westseite gegenüber liegt das charmante Städtchen Menaggio, von wo aus ebenfalls gut zu wandern ist – sowohl auf eher leichten Wegen wie der küstennahen Via Regina als auch in die bergige Landschaft hinein, wo du relativ schnell auf über 1.000 Höhenmeter aufsteigen kannst.

Maronen und Blätter bedecken die alten Wege – Achtung, Rutschgefahr!
Wandern am Comer See: Waldweg durch einen Maronenhain
Waldweg durch einen Maronenhain

Die Wanderwege rund um Varenna und Perledo im Osten und Menaggio im Westen, sind prima ausgeschildert und führen dich durch viele Ortschaften und Bergdörfer, verlassene Steinhäuser und Höfe säumen deinen Weg, du hast sagenhafte Blicke auf den Lago die Como und gelangst auch immer wieder an seine Ufer. Die Pfade sind sehr oft mit kleinen Kopfsteinen gepflastert, nicht selten mit Feldsteinmauern umgeben und: bei Nässe ganz schön rutschig. Treppen überwinden Höhenunterschiede, es geht durch Wälder, über Almenwiesen und entlang ausgebauter Straßen, sehr vielfältig also. Ich empfehle auf jeden Fall Wanderstiefel und einen Wanderstock, das macht das Gehen vor allem im Herbst oder bei Regen sicherer wie auch genussvoller.

Nur eine gute Stunde von Mailand entfernt
Wandern am Comer See - Menaggio an der sonnigen Westseite
Menaggio an der sonnigen Westseite

Falls Regenwetter das Wandern unattraktiv erscheinen lässt, bist du mit der Lokalbahn in gut einer Stunde in Mailand, wo das urbane Leben lockt. Vor allem die neue Fondazione Prada ist hier einen Besuch wert.
Mehr dazu hier.

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