Ein Wochenende mit Rodin, Degas, Moore und Matisse

Degas & Rodin. Giganten der Moderne. Edgar Degas: Tänzerin in Ruhestellung, um 1882/1885, Bronze, H. 45,5 cm; Tänzerinnen (im Hintergrund) 1900-1905, Von der Heydt-Museum Wuppertal, Foto: Medienzentrum/Antje Zeis-Loi
Edgar Degas: Tänzerin in Ruhestellung, um 1882/1885, Bronze, H. 45,5 cm; Tänzerinnen (im Hintergrund) 1900-1905, Von der Heydt-Museum Wuppertal, Foto: Medienzentrum/Antje Zeis-Loi

Erst Wuppertal, dann Münster – und überall dreht es sich um Körper: Körper in Bewegung, ihre Dynamik, ihr Ausdruck, ihre Schönheit. Auguste Rodin (1840 – 1917) und Edgar Degas (1834 – 1917) zuerst, dann Henry Moore (1898 – 1986), zwei Generationen von Künstlern, die mit ihren Darstellungen Zeitgenossen in Aufregung versetzten und neue Maßstäbe schufen. Den Blick auf Körper, deren Wahrnehmung revolutionierten und mit ihrem künstlerischen Schaffen den Weg in die Moderne öffneten. Zum Abschluss Henri Matisse (1869 – 1954) als verbindendes Glied. Zwei Orte und drei Museen an einem Wochenende. Eine ungewöhnliche Stadt-Land-Kunst-Kombi und ein den Geist erfrischender Ausstellungs-Cocktail im Spätherbst.

Was will ich in Wuppertal? fragst du dich.
Rodin widmet sich dem Körper in seiner ganzen Dynamik
Auguste Rodin: Tanzstudie F, um 1911, 1952 (Gussdatum) Bronze, Sandguss 33 x 22,5 x 20,6 cm, Musée Rodin, Paris. Foto: Christian Baraja

Woran denkst du zuerst, wenn du Wuppertal hörst? Hmmm … Pina Bausch … Schwebebahn … was noch? Ab heute: Rodin! Von mir aus auch: Degas.

Edgar Degas: Tänzerin, große Arabaeske, erste Position, 1882-1895, Bronze, 49 x 38,5 cm Musée d'Orsay, Paris.
Edgar Degas: Tänzerin, große Arabaeske, 1882-1895, Bronze, 49 x 38,5 cm, Musée d’Orsay, Paris.

Das Von der Heydt-Museum  inszeniert alljährlich im Winter eine Blockbuster-Ausstellung, die einen triftigen Grund darstellt, an die Wupper zu reisen. Etwas trostlos doch zentral in einer dieser typisch seelenlosen Fußgängerzonen gelegen, integriert sich das museale Eingangsportal in das von Allerwelts-Schaufensterfassaden bestimmte Straßenbild. Innen ein Menschen-Ansturm wie zur besten Vorweihnachtszeit an der Glühweinbude. Keine Frage: mit der Ausstellung „Degas & Rodin. Giganten der Moderne“ zieht Museumsdirektor Gerhard Finckh Besucher von nah und fern in sein Haus.

Erstmals vereint: Degas und Rodin. Giganten der Moderne.
Auguste Rodin: Tanzstudie I um 1911, Bronze, 15,3x24x8,3 cm, Musée Rodin, Paris.
Auguste Rodin: Tanzstudie I um 1911, Bronze, 15,3x24x8,3 cm, Musée Rodin, Paris.

Es ist wohl zum ersten Mal, dass die beiden Künstler sich in einer Ausstellung gegenüberstehen. Nicht so im realen Leben, denn beide verkehrten in denselben Kreisen im Paris des Fin de Siècle. Man geht davon aus, dass sie sich kannten und schätzten. Befreundet schienen sie nicht gewesen zu sein, so wie beispielsweise Picasso und Braque, die gemeinsam den Kubismus entwickelten und sich in dieser Phase regelmäßig in ihren Ateliers besuchten, um ihre Arbeiten zu besprechen. Rodin und Degas beschäftigten gemeinsame Themen: Körper und Dynamik, Bewegungsabläufe und ihre Darstellung.

Die neuen Möglichkeiten fotografischer Bewegungsstudien beflügelten beide
Auguste Rodin: Tänzerin aus Kambodscha, Juli 1906, Musée Rodin, Paris. Foto: Jean de Calan
Auguste Rodin: Tänzerin aus Kambodscha, Juli 1906, Musée Rodin, Paris. Foto: Jean de Calan

Und auch wenn Degas nach einem anfänglichen Mega-Flop seine Plastiken nur im Geheimen anfertigte, in der Öffentlichkeit für seine Grafiken und Zeichnungen – vornehmlich von Balletttänzerinnen – bekannt wurde, waren doch beide Künstler Meister des Skulpturalen. Der kraftvolle Rodin, der von der Kunstakademie zurückgewiesen worden war, natürlich noch stärker als Degas, dessen Interesse sich ja sehr auf junge Tänzerinnen konzentrierte. Beide jedoch waren fasziniert von den Möglichkeiten durch die neu entwickelte Fotografie, Bewegungsabläufe exakt abzubilden und zu verstehen. Die Ausstellung nimmt dich als Besucher da verständnisreich an die Hand und zeigt dir die Einflüsse des technischen Fortschritts auf die künstlerische Hinwendung zur Moderne.

Schnöde Kopie der Wirklichkeit oder künstlerische Virtuosität?
Auguste Rodin: Das Eherne Zeitalter, 1877, 180,5x68,5x54,5 cm, Musée Rodin, Paris.
Auguste Rodin: Das Eherne Zeitalter, 1877, 180,5×68,5×54,5 cm, Musée Rodin, Paris.

Rodin wie Degas mussten einige Zurückweisungen durch den Pariser Salon einstecken, der interessierten Öffentlichkeit galten ihre naturalistischen Skulpturen zuerst als zu wenig künstlerisch. Man hielt sie für bloße Abgüsse von Körpern. Während Rodin sich davon nicht beirren ließ und weiter aus dem Vollen der Dreidimensionalität schöpfte, reduzierte Degas sich – wie gesagt – auf bildliche Darstellungen.

Auguste Rodin: Fliehende Liebe, vor 1887, Musée Rodin, Paris. Foto: Herve Lewandowski
Auguste Rodin: Fliehende Liebe, vor 1887, Musée Rodin, Paris. Foto: Herve Lewandowski

Für mich persönlich ist Rodin als Wegbereiter der Moderne ein großes Stück weiter gegangen als Degas mit seinen Tütüs und Balletteusen. Vor allem im Musée Rodin in Paris, einer geräumigen Villa mit Garten in ziemlicher Nähe zum Eifelturm, kannst du viele seiner bekanntesten Werke aus der Nähe betrachten.

Auguste Rodin und Camille Claudel – ungleiche Liebe zweier Genies
Filmtitel: Camille Claudel, 1988
Filmtitel 1988, Rodin und Claudel als kongeniales Paar

Ich muss gestehen, dass mein Rodin-Bild deutlich von dem Film „Camille Claudel“ geprägt ist, in dem Gérard Depardieu den Meister berserkerhaft und schonungslos zum Besten gibt. Mit Isabelle Adjani als liebende Camille, von ihrem Lehrer Rodin fies benutzt und in ihrem Genie verkannt bis zum Wahnsinn – schluchz. Und wirklich haben einige von Rodins Werken eine frappierende Ähnlichkeit zu Camille Claudels Oevre, doch dazu wusste unsere Kunstvermittlerin leider nichts zu sagen, was ich etwas schwach finde für eine versierte Kunsthistorikerin.

Sprung nach vorn: Henry Moore in Münster
Henry Moore, Three Way Piece No. 2: (The) Archer, 1964/65.
Henry Moore, Three Way Piece No. 2: (The) Archer, 1964/65. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. Temporär aufgestellt am LWL-Museum für Kunst und Kultur. © Reproduced by permission of The Henry Moore Foundation. Foto: LWL/Hanna Neander

Zwei Weltkriege und ein Menschenleben weiter treffen wir im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster auf einen Bildhauer, der selbst uns heute noch mit seinen Skulpturen einiges abverlangt: Henry Moore (1898 – 1986), britischer Bildhauer und Zeichner, ist zurzeit eine grandiose Schau gewidmet. Die Exponate sind größtenteils Leihgabe der Tate Modern in London, mit der das LWL-Museum dazu eng zusammenarbeitet. Entsprechend super geschult und kompetent war auch unsere Kunstführung, die Vermittlerin sprühte geradezu vor Begeisterung für das Werk.

Erwachen Deutschlands aus der künstlerischen Demenz der Nazi-Zeit
Vor dem LWL-Museum in Münster:Henry Moore: Draped Seated Woman, 1957/58
Henry Moore: Draped Seated Woman, 1957/58, zurzeit vor dem LWL-Museum in Münster

„Henry Moore. Impuls für Europa“ lautet der Titel der Präsentation, die Moore als europäisch maßgeblichen Modernen mit seinen Einflüssen auf Weggenossen wie heutige Künstler veranschaulicht. Wichtige Impulse vor allem für Deutschland, das nach der Verblödung durch die Nazi-Propaganda das schwarze Loch von 12 Jahren rabiater Kunstvernichtung und -vertreibung zu überbrücken hatte. Henry Moore war hier nicht jedem willkommen: seine „Draped Seated Woman“ wurde noch in den 50er Jahren im deutschen öffentlichen Raum aus Protest geteert und gefedert. Grundlage für die Skulptur sind Zeichnungen Moores, die 1940/41 während der Bombardements Londons in Luftschutzkellern entstanden.

Ein politisches Bekenntnis zur Weltoffenheit
Henry Moore: Helmet Head and Shoulders, 1978 © The Henry Moore Foundation. All Rights Reserved
Henry Moore: Helmet Head and Shoulders, 1978 © The Henry Moore Foundation. All Rights Reserved

„Sich in Westdeutschland nach dem Krieg zu Moore zu bekennen, war gleichbedeutend mit dem Bestreben, nach der Hitler-Blockade kulturell wieder Schritt zu fassen, sich Neuem zu öffnen und den Anschluss an ein künstlerisches Weltniveau zu finden.“ liest du im Beiheft zur Ausstellung. Entsprechend sind die Positionierungen von Moore-Plastiken z. B. vor dem UNESCO-Gebäude in Paris und dem Bundeskanzleramt in Bonn zu Kanzlerzeiten Helmut Schmidts als Statements zu sehen. Die Präsentation rückt das Werk Moores in Zusammenhänge, die seinen Arbeiten eine zusätzliche, über das Kunsthistorische hinaus gehende Bedeutungsebene verleihen.

Moore ist kein Abstrakter.
Henry Moore: Two Piece Reclining Figure No.9, © The Henry Moore Foundation. All Rights Reserved
Henry Moore: Two Piece Reclining Figure No.9, © The Henry Moore Foundation. All Rights Reserved

Ebenso habe ich gelernt: Henry Moore sah sich nicht als abstrakter Künstler. Er orientierte sich an der Natur, an ihren Formen und Strukturen. Den Zwischenraum betrachtet er als Teil einer Figur, als zum Körper gehörend, zusammen haltend. Die liegende Frauenfigur beschäftigt ihn ausführlich und in mannigfachen Spielarten der Formgebung.

Bezug auf Henry Moore von Markus Lüppertz: Der Krieger,1993
Bezug auf Henry Moore von Markus Lüppertz: Der Krieger,1993

Eines kannst du getrost sagen: Moore hatte keine Furcht vor Größe und Massivität. Du musst ständig dem Drang widerstehen, die exponierten Körper zu berühren, ihre kühle glatte, rauhe, gefältelte, polierte Oberfläche zu fühlen. Denn mit einer Ausnahme am Eingang ist das Anfassen natürlich verboten.

Zum Schluss verblüfft auch noch Matisse
Henri Matisse: Ikarus, Papierarbeit, aus: Matisse Scherenschnitte, Taschen-Verlag
Henri Matisse: Ikarus, Papierarbeit, aus: Matisse Scherenschnitte, Taschen-Verlag

Nach so vielen Eindrücken im Großformat noch Matisse im Münsteraner Picasso-Museum. Nach der lichten Großzügigkeit des LWL-Museums kommt dir die Hängung ein paar Straßen weiter etwas eng und lichtarm vor. Dabei war Matisse ja ein großer Lichtmensch, inspiriert von den intensiven Farben Südfrankreichs, wo er in Nizza viele Jahre lebte und auch starb. Von seinen berühmten impressionistischen Bildern bekommst du hier leider nichts zu sehen, der Schwerpunkt sind Grafiken und Zeichnungen, auch einige Skulpturen und vor allem die leuchtend farbigen Scherenschnitte kannst du bewundern. Die sehr enthusiastische Kunstvermittlerin klärt uns über die zuerst ja recht naiv daherkommenden Motive auf: mehrere davon zeigen Kriegsgeschehnisse während der deutschen Besatzung Frankreichs, wie zum Beispiel der „Ikarus“, ein im Herzen getroffener Fallschirmspringer, der inmitten detonierender Geschosse zur Erde gleitet.

Infos:
Degas & Rodin. Giganten der Moderne“ im Von der Heydt-Museum Wuppertal,
bis 26. Februar 2017
„Henry Moore. Impuls für Europa“ im LWL Museum für Kunst und Kultur Münster
bis 19. März 2017
„Henri Matisse: Die Hand zum Singen bringen“ im Picasso-Museum Münster,
bis 29. Januar 2017

 

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