Wanderungen durch Jordanien – Annäherung an eine fremde Welt

Umzingelt von Kriegen und Krisen
Wanderungen durch Jordanien: Blick auf das Westjordanland jenseits des Toten Meeres
Jenseits des Toten Meeres liegt das Westjordanland

„Da drüben seht Ihr Jericho und Jerusalem.“ zeigt Ahmad, unser Guide, während des Bus-Transfers vom Flughafen bei Amman zur ersten Unterkunft am Toten Meer auf die ockerfarbene Felsenküste gegenüber. Vor wenigen Stunden sind wir in Jordanien gelandet und schon wird klar, wie nah hier ehemalige und aktuelle Krisengebiete liegen: durch das Tote Meer verläuft ein Grenzabschnitt zum besetzten Westjordanland, im Norden grenzt Jordanien an Syrien, von wo in den letzten 5 Jahren 2 Millionen Flüchtlinge die jordanische Bevölkerung von 7,5 auf 9,5 Millionen explodieren ließ.

„I’m from Syria.“ Tatsache oder Verkaufsstrategie?
Übersichtskarte unserer Jordanien-Reiseroute.
Übersichtskarte unserer Reiseroute.

Diese Zahlen nennt unser jordanischer Reiseleiter, laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHRC sind es ca. 640.000 syrische Flüchtlinge, wahrscheinlich ist die Dunkelziffer immens. Wenn wir im späteren Verlauf der Reise Menschen gebückt auf den steinigen Feldern arbeiten sehen, in der Ferne ärmliche Zeltlager, kommentiert er: „Das sind syrische Bauern, die jetzt bei uns arbeiten. Sie leben in den Zelten und werden schlecht bezahlt. Aber sie brauchen ja auch nicht viel.“ „I’m from Syria“ raunen Straßenhändler mir zu und ich bin unsicher, ob es sich um die Wahrheit oder eine Betroffenheits-Verkaufsstrategie handelt.

Erkundung einer fremden Welt und eigener Vorbehalte
Wanderungen durch Jordanien. Doppelköpfiges Dromedar in der Wüste Wadi Rum
Doppelköpfiges Dromedar in der Wüste 🙂

Jordanien ist für mich kein einfaches Reiseziel – nur wenige Tage vor meiner Anreise wurde in der Touristenhochburg Kerak von IS-Terroristen ein tödlicher Anschlag verübt. Doch schon immer wollte ich die geheimnisvolle Felsenstadt Petra, meine Namensgeberin, sehen. Wann, wenn nicht jetzt? Schließlich ist unser Blick durch die medialen Berichte beeinflusst, von Jordanien hörst du in Deutschland selten, Terroranschläge sind einen Artikel wert.

Schlucht-Eingang zur antiken Stadt Petra
Eingang zur antiken Stadt Petra

Etwas mulmig wird mir dann doch, als ich beim Check-In am Frankfurter Flughafen in einer Schlange mit bärtigen Männern stehe, deren Anblick meiner Vorstellung von IS und Al-Qaida nah kommt. Auf dieser Reise erkunde ich nicht nur ein bislang mir unbekanntes Land, sondern auch meine eigenen Vor-Stellungen, Vor-Behalte, Ängste. Ich bin im Nachhinein sehr froh und erfüllt von all den atemberaubenden Erlebnissen, die sie mir geschenkt hat.

 

Frauen und Mädchen bleiben nahezu unsichtbar
Brotverkauf. Auch Brotbacken und Einkaufen ist in Jordanien Männersache.
Brotverkauf. Auch Brotbacken und Einkaufen ist Männersache.

Wobei: mich befremdet nachhaltig, in einem Umfeld unterwegs zu sein, in dem Frauen und Mädchen so völlig aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen bleiben. In den größeren Städten wie Amman oder Aqaba siehst du manchmal eine Bewohnerin in langem Umhang, das Haar gründlich bedeckt, auch mal einen Teenie in Jeans, dann aber mit langem Mantel darüber. In den Geschäften, an Ständen, in den Restaurants und Hotels, auf den Straßen und Plätzen: ausschließlich Männer und Jungs. „49 Prozent unserer Studenten sind weiblich“, argumentiert Ahmad für die Gleichberechtigung in seinem Land. WO SIND SIE?

Beobachtungen durch die touristische Brille
Beduinen in der Felsenstadt Petra
Beduinen in der Felsenstadt Petra

Nach dem etwas bangen Reiseantritt lässt mich der Empfang durch unseren Guide sofort ganz sicher fühlen. Er hat in Deutschland gelebt, spricht perfekt Deutsch und nimmt uns jede Unsicherheit. Überhaupt ist die ganze Reise über bestens für uns gesorgt – von der reibungslosen Organisation bis zur Beantwortung unserer Fragen zu Land und Leuten zeigt sich Ahmad als zuverlässiger wie kenntnisreicher Begleiter. Allerdings ergeben sich wenige Berührungspunkte mit dem Alltag der Menschen hier, wir bleiben in der Rolle der Beobachter, was natürlich auch unseren fehlenden Arabisch-Kenntnissen geschuldet ist. Jeden Einkauf, jede Erledigung nimmt Ahmad uns ab – natürlich sehr komfortabel …

Unser Reiseprogramm: wandern und staunen
Wanderungen durch Jordanien. Sonnenaufgang mit Blick auf das Tote Meer
Sonnenaufgang mit Blick auf das Tote Meer

Naturschutz und Ökotourismus sind in Jordanien angesagt – auch, wenn uns so manches Mal der recht lässige Umgang der Leute mit Müll im Allgemeinsn und mit Plastikmüll im Besonderen sehr irritiert. So startet unsere Outdoor-Tour mit einer kleineren Wanderung durch das Ajlun Naturreservat nördlich von Amman. Hier schon die erste Desillusionierung: auf ca. 900 m Höhe pfeift eisiger Wind, von wegen heißes Wüstenland! Tipp für Reisende in den Wintermonaten: dicke Jacken, Schals, Mützen, Handschuhe, lange Unterhosen einstecken!

Vergesst Rom und Athen: das antike Gerasa
Das antike Forum von Jarash, dahinter die heutige Stadt
Das antike Forum von Jarash, dahinter die heutige Stadt

Eine große Überraschung wartet nach dem ersten Warmwandern in den Ruinen des alten Gerasa, dem heutigen Jarash auf uns: über einem riesigen Areal erstrecken sich archäologische Ausgrabungen der antiken Handelsstadt mit Tempeln, einem wunderschönen ovalförmigen Forum, von Säulen bestandenen Straßen, Markthallen, einer Pferderennbahn – eben allem, was zum antiken Stadtleben gehörte –, die es locker z.B. mit dem Forum Romanum in Rom aufnehmen können.

Berühmt: die köstlichen Früchte, die Europa noch nicht kannte
Zentrale Wasserversorgung: Nyphaeum des antiken Gerasa
Zentrale Wasserversorgung: Nyphaeum von Gerasa

Charmant für dich als Besucher: du bist hier viel weniger reglementiert, kannst ungehindert zwischen den authentisch rekonstruierten Bauwerken und Plätzen umhergehen, hast tolle Blicke über das ehemalige und das heutige Stadtgebiet und wirst dabei wie von einem Dschinn um 2.000 Jahre zurück versetzt, als sich an diesem Ort wichtige Handelswege zwischen Orient und Okzident kreuzten, Wirtschaft und Kultur florierten. Berühmt wurde Gerasa auch durch seine in Europa bis dato unbekannten Kirschbäume – der Name der Frucht „Cherry“ bzw. „Kirsche“ leitet sich von Gerasa ab.

Frau Lot hatte Pech. Wir haben Glück.
Bizarre Sandstein-Formationen im Mujib Naturreservat in Jordanien
Bizarre Sandstein-Formationen im Mujib Naturreservat

Spektakuläre Blicke auf das Tote Meer und die Höhenzüge drumherum bietet der Steinbock-Trail im Mujib Naturreservat. Die Wanderung führt nach einem kurzen, steilen Anstieg ganz gemütlich durch ockerfarbene Gesteinslandschaften, in denen Erosionen wundersame Formationen hervorgebracht haben. Eine davon sei die sagenhafte Frau Lot, die sich auf der Flucht ihrer Familie aus dem gottverdammten Sodom verbotenerweise umdrehte und leider zur Säule erstarrte. Wo genau diese Städte Sodom und Gomorrha lagen, weiß man nicht, vieles spricht wohl für die Gegend um das Tote Meer herum. Zum Glück dürfen wir uns gründlich umschauen und dabei die weiten Ausblicke genießen (auch, wenn kein Steinbock so freundlich ist, sich zu zeigen).

Abtauchen in Rosarote Welten: phantastische Canyon-Wanderung
Eingangs-"Tor" zum Wadi En-Numera
Eingang zum Wadi En-Numera

So stelle ich mir ein Märchen aus 1001er Nacht vor: verwunschene Traumlandschaften, ein leise plätschernder Fluss, eine verborgene Höhle mit verborgenen Schätzen … wie durch ein schmales Felsentor betreten wir den engen Flusslauf des Wadi En-Numera am Grunde einer wie verzaubert wirkenden Schlucht. Sandsteine in wunderschönen rosafarbenen Tönungen und Maserungen zwischen Aubergine-, Violett- und Rottönen bilden ein Labyrinth aus rund abgeschliffenen Felsenwänden, durch die uns das glucksend fließende Wasser führt.

Fluss zwischen rotvioletten Sandsteinwänden
Flusstal zwischen rotvioletten Sandsteinwänden
Naturstein im Wadi En-Numera in Jordanien
Naturstein im Wadi En-Numera

Wir wandern der Quelle entgegen, springen von Stein zu Stein, waten knöcheltief durch den schmaler werdenden Fluss. Blicken staunend nach oben, wo Frauenhaarfarne zittern und nach unten, wo Steine in unglaublichen Färbungen den Sammlertrieb entfachen. Einfach toll. Unvermutet. Nach einiger Zeit kehren wir um, man könnte endlos so mit dem Wasser mitmäandern. Am Ausgang empfängt uns eine ärmliche Beduinensiedlung wieder in der nüchternen Realität.

Verlassenes Dana, Beduinenland und Feynan Eco-Lodge
Wanderung durch den Wadi Dana aus 1700 m Höhe
Wanderung durch den Wadi Dana

Dana liegt malerisch, aber logistisch ungünstig. Darum haben sich die Bewohner auch an die Hauptverkehrsstraße ein paar Kilometer weiter oben umgesiedelt. Hier beginnt unser Abstieg aus einer Höhe von 1700 m durch den imposanten Wadi Dana, ein geschütztes Biosphärenreservat. Auf beiden Seiten flankiert von erhabenen, zerklüfteten Felswänden, auch hier sind Steinböcke heimisch und ein Einwohner sitzt am Wegesrand, er versucht uns davon zu überzeugen, dass irgendwo dort tatsächlich eines dieser stolzen Tiere steht. Allein – wir können es nicht erspähen.

Beduinenzelt im Dana Naturpark
Beduinenzelt im Dana Naturpark

Wir steigen peu à peu ab, die Vegetation wird üppiger, immer wieder treffen wir auf Ziegenherden mit ihren Hütehunden, die den weiter unten lebenden Beduinenfamilien gehören. Nach einigen Stunden erreichen wir ziemlich ausgepowert zuerst die Beduinensiedlung und gleich daneben die festungsähnliche Eco-Lodge Feynan.

Feynan Eco-Lodge im Dana Naturreservat
Angekommen: die Feynan Eco-Lodge

Das Öko-Hotel verfolgt ein Nachhaltigkeits-Konzept: elektrischer Strom wird umweltverträglich erzeugt und nur für Küche und Badezimmer eingesetzt. Licht spenden Kerzen, von den Beduinenfrauen hergestellt. Sie backen auch das Brot für die Gäste, während ihre Männer und Söhne die Touristen bewirten, betreuen und mit ihren klapprigen Jeeps chauffieren.
Abends wird es zurzeit in der Lodge leider recht kühl, wir scharen uns im Kaminzimmer um ein prasselndes Feuer aus gepresstem Oliventrester, heißer, aromatischer Kräutertee, stark gesüßt, hält uns einigermaßen bei Laune.

Nachhaltiges Konzept mit Wärmflaschen
Gemütliches Zimmer in der Feynan Eco-Lodge
Zimmer in der Feynan Eco-Lodge

Mich rettet wärmetechnisch nachts eine der kuscheligen Wärmflaschen, die auf den Zimmern bereitliegen. Das Essen ist lecker und landestypisch, das Duschwasser heiß und die Atmosphäre insgesamt super angenehm. „How are you?“ beginnt einer der Beduinen-Jungs die Unterhaltung mit uns am Kamin, Gastfreundschaft wird hier selbstbewusst gelebt. Ich erfahre, dass ca. 40 Beduinenfamilien im Dana Naturpark wohnen, im Sommer ziehen sie mit ihren Ziegen, Schafen und Kamelen in die Berge.

Begegnung mit der Nabatäer-Kultur in Petra
Ankunft in Petra: das sogenannte Schatzhaus
Ankunft in Petra

Bei so vielen wirklich einzigartigen Erlebnissen steuert die Reise ihrem Höhepunkt entgegen: unsere nächste Etappe bringt uns nach Petra, der verborgenen Felsenstadt der Nabatäer. (Fortsetzung.)

 

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