Was Steine erzählen: Entdeckungstour nach und durch Petra

Karawanen-Stützpunkt vergangener Zeiten
Ankunft in Petra: das sogenannte Schatzhaus
Ende der Schlucht: Erster Blick auf Petra

Petra ist ein Mythos, ein Geheimnis. Bekannt als phantastisch schöne, in Felsen gehauene, längst verlassene Stadt, Anziehungspunkt für Reisende aus aller Welt. Auch mein Motiv für die Reise nach Jordanien war im Wesentlichen der Besuch dieses verborgenen Ortes. Trotz anfänglicher Bedenken und Ängste angesichts des von Konfliktherden umzingelten Landes. Und obwohl die gesamte Wander-Reise uns von einem „Ah!“- zum nächsten „Oh!“-Erlebnis führt, bleibt der Besuch Petras für mich der Höhepunkt.

Imposanter erster Eindruck von Petra: das Schatzhaus
Imposanter erster Eindruck von Petra: das sog. Schatzhaus

Was ich jetzt weiß: Petra ist heute Beduinen-Revier, Souvenir-Marktplatz und alles andere als verlassen. Die prachtvollen, in Sandstein gehauenen Tempel- und Grabmal-Fassaden stellen nur einen kleinen Teil der einstigen Siedlung dar – vieles wartet noch auf seine Erforschung: Wohnhäuser, Lebensräume sind wenig erhalten. Was Jordaniens Leid – der zurzeit heftig eingebrochene Touristenstrom – gilt uns als Freud: statt mehrerer Tausend Besucher kommen heute nur ein paar Hundert täglich nach Petra. Schlimm für die vielen Beduinen, die wohl wesentlich davon leben, die Fremden zu führen, auf ihren Tieren zu transportieren, in kleinen Buden und Zelten süßen Kardamon-Kaffee und Tee zu verkaufen usw.. Doch kaum vorzustellen, wie es hier mit derartigen Touri-Massen sein muss …

Klein Petra, die kleine Schwester von Petra
Karawanen-Umschlageplatz Klein Petra, arabisch Siq el-Barid
Siq el-Barid oder auch Klein Petra

Petra, Hauptstadt des Nabatäer-Reiches von ca. 300 v.u.Z. bis zu seinem Verschwinden in die Bedeutungslosigkeit um ca. 600 n.u.Z.,  wurde 1985 zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt. Erst im 19. Jahrhundert entdeckten es europäische Forscher und Orient-Reisende wieder, seine Existenz war über Jahrhunderte komplett in Vergessenheit geraten. Noch heute nahezu unbemerkt von der Welt-Öffentlichkeit: die Ruinen von Siq el Barid oder Klein Petra, nur einige Kilometer nördlich der großen berühmten Schwester gelegen und quasi der Vorposten der einstigen Handelsmetropole.

Ein Felsenspalt führt nach KLein-Petra
Eingang zu Klein Petra

Hier machst du erste Bekanntschaft mit den sehr jetzt-zeitigen Beduinen-Ständen, an denen du bunte Ketten, Stofftaschen, Messinglampen und sonstigen orientalisch anmutenden Schnickschnack billig erwerben kannst. Was mich immer wieder verblüfft, ist, dass all diese einmaligen Kultur-Stätten weitgehend offen und unkontrolliert zugänglich sind, lediglich den Eingang zu den Resten des antiken Hot-Spots versperrt ein klappriger Zaun mit Bretterbude so einigermaßen, drinnen kannst du in den Ruinen herumturnen, die Fassaden erklimmen und deinem Forscherdrang freien Lauf lassen.

… als die Menschen sesshaft wurden
Bayda: als unsere Vorfahren sesshaft wurden
Bayda: so wohnte man vor ca. 9.000 Jahren

Einen kurzen Spaziergang weiter entlang der tief-orange-farbenen Felsformationen liegt ein recht überschaubares, eingezäuntes Areal mit auf den ersten Blick unscheinbaren Ruinen eines früheren Dorfes. Der Zugang ist offen, eine Tafel klärt uns darüber auf, dass hier vor – halte dich fest – ca. 9.000 Jahren (!) eine der ersten Siedlungen unserer bodenständig werdenden Vorfahren existierte. Dagegen ist das Alter von Petra ja rein gar nichts!

Lage von Bayda in Jordanien
Bayda liegt zwischen Totem und Rotem Meer

Muldenförmige Mahlsteine, abgeflachte Steinspitzen und ähnliche steinzeitliche Werkzeuge sind leicht am Boden zu entdecken, ein Archäologen-Team hat die unterschiedlichen Hausformen nach Funden rekonstruiert. Bayda heißt die Ausgrabungsstelle, die bezeugt, dass Menschen sich bereits in der Jungsteinzeit hier aufhielten, sich von Jägern und Sammlern zur Landwirtschaft und Tierhaltung hin veränderten. Wahnsinn – du stehst am Zeugnis einer entscheidenden Wende unserer Menschheitsgeschichte und um dich herum nur ockerfarbener Sandstein, karger Boden, in der Ferne ein paar unbeteiligte Ziegen und ein Beduinenzelt im kalten Wind …

Petra – nein, das ist keine Hollywood-Kulisse
Das Gebiet der einstigen Handelsstadt Petra
Hier stand Petra vor 2000 Jahren, was du siehst, sind monumentale Gräber in den Sandstein gehauen

Monumentale Gruften mit phantastischen Fassaden machen heute die Faszination Petras ausSchon der verborgene Zugang zu Petra gibt dir das Gefühl, mitten in einem Phantasy-Abenteurerfilm gelandet zu sein: ein enger Spalt in zwei aneinander gelehnte Felsenmassive, der sich nur ganz schmal öffnet, um auf dem langen Weg bis zum Talkessel von Petra mal breitere Räume zu bilden, dann wieder zu einer engen Gasse wird.

Vorbei an zerzauselten Eseln und Kamelen – dann packt dich die Mystik Petras
Schlucht-Eingang zur antiken Stadt Petra
Schlucht-Eingang zum antiken Petra

Ok, ok, zuerst passierst du das Besucherzentrum mit seinen Andenken-Shops, mogelst dich an den Beduinen vorbei, die dich nötigen wollen, auf dem Rücken ihrer zerzauselten Pferde, Esel oder Kamele die staubige Piste bis zum Eingang zurückzulegen – aber dann packt dich die Mystik des Ortes!
In den letzten Jahren wurde vieles in Petra von einem Schweizer Grabungs-Projekt neu erforscht, ausgegraben und rekonstruiert.

Verwitterte Karawane auf ihrem Weg nach Petra
Verwitterte Karawane auf ihrem Weg nach Petra

So befreite man z. B. die Zugangs-Schlucht von mehr als 2 m hohem Schutt und legte in den Stein gearbeitete Skulpturen längs des Weges frei, wie die Reste einer Karawane mit Kamelen und Karawaneführer und kleine Stein-Altare. Teilnehmer unserer Gruppe waren bereits in den 1980er Jahren hier gewesen und erkannten Petra gar nicht wieder, so viel Neues gibt es seitdem zu bestaunen!

Von wegen verlassene Stadt – Petra ist voller Leben
Beduinen-Verkaufsstand am Prozessionsweg in Petra
Beduinen-Verkaufsstand am Prozessionsweg in Petra

Junge schöne Männer mit Kajal-geschminkten Augen und malerisch um den Kopf drapierten Tüchern, ältere Männer, unglaublich viele kleine Jungs, manchmal sogar Frauen und Mädchen – die einstige Handels-Hochburg der Nabatäer ist heute ganz klar in Beduinen-Hand. Wenn sie nichts verkaufen, sitzen und stehen sie in Gruppen herum, unterhalten sich, posieren selbstbewusst vor Kameras und machen klar: dies ist unser Land. Die Höhlen Petras wurden lange bewohnt von ihnen, es gibt sogar den Roman einer Neuseeländerin, die sich in den 1970ern in einen Beduinen verliebte und mit ihm in einer der Höhlen lebte. Heute betreibt sie einen Stand mit Silberschmuck am Ort – gefertigt in einem Frauenprojekt.

Einer der sehr vielen Schmuckstände von Beduinen in Petra
Einer der sehr vielen Schmuckstände in Petra

1982, bevor Petra zum Weltkulturerbe ernannt wurde, evakuierte die jordanische Regierung die Touristen-Hochburg und erbaute für die Beduinen von Petra in der Nähe eine Siedlung. Doch wenn du durch den Talkessel läufst, auf den Bergen ringsum die steilen Treppen und Wege erklimmst, überall sind sie präsent und gehen ihren Geschäften nach. Abends, wenn die Touristen den Platz räumen, galoppieren die Männer auf kleinen Araberpferden stolz die Piste zum Ausgang hoch. Petra gehört in Wahrheit ihnen, als Fremder bist du ihr Gast – und Gastfreundschaft können sie, wie wir schon in der Feynan Eco Lodge erfahren haben.

Leben in einem so trockenen Land – die Nabatäer wussten, wie!
Löwenbrunnen am Wadi al-Farasa auf dem Weg zu Petras Zentrum
Form und Funktion im EInklang: der Löwe spieh Wasser in ein Bassin

Um Petra wirklich zu erkunden, benötigst du drei Tage. Wir haben zwei zur Verfügung und nutzen unseren nächsten Besuch dafür, uns über einen Bergpfad dem zentralen Wohngebiet im Kessel zwischen den rötlichen Sandsteinhängen zu nähern. Der Pfad entspricht dem einstigen Prozessionsweg Wadi al-Farasa, denn er führt über ein Hoch-Plateau mit Opferstätte hinunter ins Zentrum Petras.

Süßer Mocca mit Kardamon: Beduinen-Service am Wegesrand in Petra
Energie-Quelle am Wegesrand: Süßer Mocca mit Kardamon

Die Strecke öffnet wunderbare Blicke auf die Felsenmassive, führt vorbei an weiteren beeindruckenden Grabmälern und Tempeln und wird begleitet von einer wichtigen Wasserleitung, die Petra früher mit dem kostbaren Gut aus einer entfernten Quelle versorgte. Denn, abgesehen von ihrer Fähigkeit im Handel, waren die Nabatäer Meister der Wasserleitungs-Technik.

Der Jordan als wichtiger Süßwasser-Lieferant wird von Israel abgeschöpft
 Petra, verborgene Felsenstadt, auf dem Prozessionsweg Wadi el-Farasa
Tempel mit ehemaliger Gartenanlage unterhalb des Löwenbrunnens

Wenn du heute durch Jordanien fährst, fällt dir als wasserverwöhnter Europäer auf, wie karg und trocken das gesamte Land erscheint. Süßwasser-Zuflüsse durch den Jordan werden von Israel der eigenen Landwirtschaft zugeführt, der Meeresspiegel des Toten Meeres sinkt jährlich um über einen Meter! Natürlich steigt die Salzkonzentration dadurch ständig. Wassermangel ist ein akutes Problem Jordaniens. Zurück zu den Nabatäern:

Beduine auf dem Wadi al-Farasa über Petra
auf dem Prozessionsweg Wadi al-Farasa über Petra

Ganz Petra und Umgebung ist durchzogen mit einem Wasserleitungs-System, das zwar nicht mehr erhalten, aber noch erkennbar ist: Rinnen im Sandstein, kunstvoll gefertigte Röhren mit inwändiger Spiralstruktur, die den Wasserdruck erhöht, Brunnen und Zisternen begleiten deine Wege bzw. dienten die Steige und Treppen zur Instandhaltung des ausgeklügelten Wasser-Versorgungsnetzes. Nach Aussagen unseres Reiseleiters Ahmad haben sich die klimatischen Verhältnisse seitdem nicht dramatisch verändert – bei allem technischen Können bleibt es mir ein Rätsel, wie all diese Becken jemals mit Wasser gefüllt sein konnten, wo heute doch alles so staubig und trocken scheint.

Problem gelöst vor 2.000 Jahren – und heute?
Sonnenuntergang vom Balkon Petra Palace aus
Sonnenuntergang vom Balkon Petra Palace aus

Üppig mit Wasser verwöhnt werden wir dann am Abend unseres letzten Tages in Petra: im Hamam neben dem Hotel Petra Palace siehst du deine Hand nicht vor lauter Dampf. Das Wasser tropft von unserer Haut, wir atmen tief ein und aus, aus Messing-Hähnen fließt heißes und kaltes Wasser, Schalen stehen bereit, damit wir uns damit begießen, die Masseurin wartet auf uns – welch ein Luxus!

Fortsetzung folgt: Wüstenwanderung Wadi Rum und Übernachtung im Wüstencamp
Vorhergehender Artikel: Wanderungen durch Jordanien

Blick auf Petra vom Prozessionsweg aus
Blick auf Petra vom Prozessionsweg aus

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