Cy Twombly im Centre Pompidou: Farb-Explosionen auf Raten

Cy Twombly in art, Titel
Damit fing alles an: art, Dezember ’16

Es war ein grauer, dunkler Dezembertag, da holte ich meine Leib-und-Magen-Zeitschrift art aus dem Briefkasten und – puff! peng! splash! wow! – klatschte mir das Titelbild mit Cy Twomblys blutrot-yellow-pink-farbtriefender Riesenrose ins winterblasse Gesicht. Drin unter dem Titel-Dreiklang „Pathos. Pomp. Poesie.“ eine berauschende Fotostrecke mit großformatigen Werken des amerikanischen Meisters der Moderne. Da war klar: diese Ausstellung im Pariser Centre Pompidou muss ich mir anschauen.

Pathos. Pomp. Poesie. (art-Titel-Triade)
Jubiläums-Logo des Centre Pompidou - "überall in Frankreich"
Jubiläums-Logo des Centre Pompidou

Aus Freude über das 40-jährige Bestehen seines skandalösen Beton- und Glasröhren-Klotzes feiert Paris die Kunst mit einer Reihe von großartiger Expositionen, beginnend mit der Retrospektive dieses nicht eben häufig und schon gar nicht in dieser Ausführlichkeit präsentierten Kultkünstlers. Mr. Twombly ist bereits 2011 von uns gegangen, 1928 geboren, zählte er zur Generation der Abstrakten Expressionisten, der modernen jungen Wilden in den USA der 50er und frühen 60er Jahre, kämpfte aber mit seinem eigenen, leise beginnenden Stil gegen die lauten und raumgreifenden Contemporarys wie Jackson Pollock oder die Pop-Art-Avantgardisten wie Robert Rauschenberg vorerst vergeblich um Anerkennung. Davon bekam er dann – nicht erst posthum – jedenfalls genug; allein die Versicherungssumme für die Exponate im Centre muss schwindelerregend hoch gewesen sein.

Twombly-Hopping: Centre Pompidou Paris – Museum Brandhorst München
Cy Twombly Sculpture, Sans titre "Eros / Binder and Joiner", 2003
Sans titre „Eros / Binder and Joiner“, 2003

In unterschiedlichen Ausstellungen waren mir bereits Werke von Twombly begegnet. Seine kalkweiß überdeckten Plastiken aus gefundenen, alltäglichen Gegenständen werden in vielen Sammlungen der modernen Kunst präsentiert – sie haben mich, singulär präsentiert, bislang kaum interessiert. Ihre Poesie blieb mir verschlossen. Einen richtigen Twombly-Paukenschlag erlebst du im 2009 eröffneten Museum Brandhorst in München, das über den größten Cy Twombly Fundus überhaupt als Herzstück der Sammlung Brandhorst verfügt. Einige aktuelle Exponate in der Pariser Ausstellung sind von dort entliehen. Also – wenn du es nicht bis zum 24. April 2017 nach Paris schaffst, dann bleibt dir auf jeden Fall München, um Twombly-addicted zu werden. 🙂

Dichter waren seine Musen, Rosen seine späte Leidenschaft
Wandfüllend: Roses by Cy Twombly
Raumfüllend: Roses by Cy Twombly

Kleiner Exkurs: in einem riesigen Saal erblühen in Laufnähe zur Neuen und Alten Pinakothek Twomblys Rosen in unterschiedlichsten Farbvarianten und tropfen dir von den Wänden ins Auge und die Seele. Küssen ließ sich der Maler dabei von Gedichten, die der Rose gewidmet sind. Hier kannst du die Rosen-Lyrik lesen, die Twombly zu seinen leuchtend-tränenden Rosenbildern inspirierte.

Twombly überträgt alte Mythen und historische Themen
Cy Twombly: Aus dem Zyklus "Coronation of Sesostris", Centre Pompidou, Paris
Aus dem Zyklus „Coronation of Sesostris“

Fast noch spektakulärer ist im umstrittenen Museum Brandhorst, das als Geschenk des Bayerischen Staates an das reiche Sammler-Ehepaar kritisiert wurde, ein ovalförmiger, sehr hoher Raum, der allein dem Lepanto-Zyklus Twomblys gewidmet und extra für ihn konstruiert worden ist. In zwölf Bildern schildert der Meister der Reduktion und farblichen Verdichtung darin die dramatische Seeschlacht von Lepanto aus dem 16. Jahrhundert. Diese Bilder suchst du in Paris vergebens, jedoch kommen andere Werke diesen Motiven nahe. Überhaupt hatte der in einem römischen Stadtpalast hochnobel lebende Amerikaner ein Faible für europäische und altägyptische Geschichte und Mythen.

Farben fließen wie Blut, wie Tränen, Rotz und Wasser
Cy Twombly: Detail aus der Commodus-Serie.
Macht, Tod, Blut: Detail aus der Commodus-Serie.

In vielen Bilderzyklen griff Twombly mythologische oder antike Themen auf, wie in seinem Commodus-Zyklus aus den 60er Jahren oder der Bildserie „Die Krönung des Sesostris“. Grausame und blutige Schlachten und rücksichtslose Machtkämpfe spielen in der Biographie beider Herrscher eine entscheidende Rolle, sie schienen es Twombly besonders angetan zu haben. Überhaupt findest du Blut in vielen seiner Bilder – die über die Leinwand fließenden Farben erinnern vielleicht an Tränen, aber auch an Vergehen, an Zerstörung und verströmendes Blut.

Die Ausstellung führt dich von der Abstraktion zur Detonation
Cy Twombly: Frühes Werk aus den 50ern
Frühes Werk aus den 50ern

Die Urgewalten wie Wasser, Sonne, Blut, Fruchtbarkeit und Tod fließen in seinen Gemälden ineinander, bei aller Reduziertheit, ja Luftigkeit im Umgang mit Raum und weißer Fläche, ballt sich in den Motiven eine starke Energie zusammen und findet im Lauf eines Zyklus ihre Entladung in gewaltigen Farb-Detonationen – mit fortschreitendem Alter des Malers wird das Werk immer explosiver und kraftvoller. Die Ausstellung vollzieht diese Entwicklung nach, wahrscheinlich enspricht sie aber auch nur der Chronologie einer künstlerischen Entwicklung.

Nicht zu vergessen: die Fotos, natürlich auch in Serie
Fotoserie: Lemons by Cy Twombly
Lemons by Cy Twombly

Wie beim Malen arbeitete Twombly auch als Fotograf gern in Serien. Zu sehen sind Stillleben, aufgenommen im Polaroid-Format, dann vergößert und gedruckt. Auch hier verändern sich die Motive von klassischen Gefäß-Anordnungen zu morbid verschrumpelnden, amorph-förmigen Früchten, angewelkten Blüten, die Tragödie des Verfalls lauert auch hier.

Eine berauschende Ausstellung – nur noch bis zum 24. April 2017!
Cy Twombly im Centre Pompidou Paris, Hängung
Cy Twombly im Centre Pompidou Paris, letzter Saal

Wir waren am Donnerstag Abend in den Räumen des Centre Pompidou. Die Cy Twombly Ausstellung ist bis 21 Uhr geöffnet, donnerstags sogar bis 23 Uhr, die Besucherströme hielten sich in Grenzen. Toll an Paris außerhalb der Saison ist, dass du das einheimische Publikum viel deutlicher erlebst.

Cy Twombly im Centre Pompidou: Four Seasons
Cy Twombly im Centre Pompidou: Four Seasons

Bei Cy Twombly waren wir abends fast die einzigen Fremdsprachigen und es war deutlich, dass die Franzosen sich intensiv mit dem Amerikaner, der sein Leben größtenteils in Italien verbracht hat, auseinandersetzten. Auch im Nachhinhein hatte der Ausstellungsbesuch etwas sehr Poetisches, Berührendes, das bis heute nachwirkt.

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