Als Paris nicht mehr das Zentrum der Kunst war: Ausstellung im Musée Maillol

Galerist Paul Rosenberg im Musee Maillol
Kunsthändler Paul Rosenberg, Großvater der Schriftstellerin und Journalistin Anne Sinclair

Noch bis zum 23. Juli findet im Musée Maillol eine besonders bemerkenswerte Ausstellung statt, die ganz offenbar viele Pariser zu einem Besuch bewegt. Am Rive Gauche im Gewirr schmucker kleiner Einkaufs-Straßen des 7. Arrondissements empfängt uns selbst am späten Sonntag Nachmittag außerhalb der Reisesaison bereits eine beträchtliche Menschenschlange am Museumseingang. Auffallend: die meisten sind Franzosen, Englisch oder Deutsch hört man hier gerade gar nicht. Der Titel „21 rue La Boétie – Picasso, Matisse, Braque, Léger“ verrät nur versierten Frankreichkennern die Mehrschichtigkeit des behandelten Themas.

21 rue La Boétie – Adresse einer Galerie, ein Buch, ein Ausstellungstitel
Titelbild des Buches von Anne Sinclair "21 rue La Boétie"
Buchtitel: Anne Sinclair mit ihrem Opa Paul Rosenberg

Der Titel entstammt dem gleichnamigen Buch der Schriftstellerin Anne Sinclair, in Deutschland vor allem bekannt als Ex-Partnerin des sexskandalumwitterten ehemaligen IWF-Chef Strauss-Kahn. In dem autobiographisch motivierten Werk beschreibt Sinclair das Leben ihres Großvaters, des sehr erfolgreichen Kunsthändlers und Galeristen Paul Rosenberg, Freund bedeutender, die Moderne prägender Maler, die er persönlich unterstützte und geschäftlich gewinnbringend betreute. Bis zu seiner Flucht vor den Nazis  war die Adresse 21 rue La Boétie Galerie und Geschäftsmittelpunkt von Paul Rosenberg, ironischerweise desselben Nachnamens wie der NSDAP Chef-Ideologe Alfred Rosenberg, der die Administration der durch die Nazis besetzen französischen Gebiete maßgeblich leitete und die in Frankreich verbliebenen Kunstschätze annektierte.

Französischer Bürger mit Migrationshintergrund, offen für alles Neue
Pablo Picasso: Wasserkrug und Obstschale, 1931
Pablo Picasso: Pichet et coupe de fruits, 1931

In der Ausstellung des Museums Maillol kreuzen sich die Wege der Weltpolitik mit denen der Kunstgeschichte auf besonders spannende Weise: Paris als das blühende Zentrum moderner Kunst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, eine jüdische Familie mit dem richtigen Gespür für deren Bedeutung und Wert, die deutsche Besetzung durch die Nazis, die der europäischen Moderne nun auch in Frankreich ein jähes Ende bereiten. Paul Rosenberg war Kind slowakischer Einwanderer, die in Frankreich zu Bürgerehren und Wohlstand gekommen waren. Der Beruf seines Vaters, eines Antiquitätenhändlers, bereitete ihm den Weg in den Kunsthandel vor. Gemeinsam mit seinem Bruder widmete er sich der turbulenten Pariser Kunstszene, die in die Moderne aufgebrochen war.

Als Paris seine Vormachtstellung als florierende Kunst-Metropole verlor
Fernand Leger: Trois Femmes (Le grand déjeuner), 1921 - 1922
Fernand Leger: Trois Femmes, 1921 – 1922

„Rosenberg ist der Zeitzeuge und Protagonist eines entscheidenden Moments der Kunstgeschichte: der Verschiebung des Kunsthandels-Zentrums von Europa in die Vereinigten Staaten, von Paris nach New York.“, kommentiert die Ausstellungsbroschüre. „Allein schon die Karriere dieses ungewöhnlichen Menschen, besonnenen Geschäftsmanns und kundigen Kunstliebhabers rechtfertigte eine umfangreiche Ausstellung. Erst recht tut dies die Rolle Rosenbergs als privilegierter Zeitzeuge seiner gequälten Epoche zwischen zwei katastrophalen Weltkriegen, deren Akteur und Opfer er in gleichem Maße war.“

Akteur und Opfer, Vorreiter der internationalen Kunstwelt
Pablo Picasso: Marguerite Rosenberg, femme de Paul Rosenberg
Pablo Picasso: Marguerite Rosenberg mit Tochter Micheline

Akteur, indem er aufstrebende Künstler wie Picasso, Braque, Degas und viele mehr ermutigte, sie klug repräsentierte und gut zahlende Kunden für sie fand. Opfer wegen seiner jüdischen Herkunft, die ihn zur Flucht zwang, ihn aber auch zur Verlagerung seiner Geschäfte wie auch Teile seines Kunstdepots mit wichtigen zeitgenössischen Werken nach London und New York veranlasste. Somit war Paul Rosenberg auch ein Vorreiter für den internationalen Kunsthandel – hatte er doch bereits als junger Mann einige Jahre in London gelebt, sein Netzwerk über den europäischen Kontinent hinaus bis in die USA erweitert.

Geschichte erklärt Kunst, Kunst erzählt Geschichte
Präsentation im Salon von Paul Rosenberg mit Bildern von Marie Laurencin und Picasso
Salon Rosenbergs mit Bildern von Marie Laurencin und Picasso

Nicht nur für historisch Interessierte ist die Show im Musée Maillol ein Erlebnis, die Kunst selbst kommt natürlich auch nicht zu kurz. Du findest großformatige Foto-Vergrößerungen des Salons in Paul Rosenbergs Wohnräumen, wo er die Bilder der von ihm vertretenen Künstler inszenierte und einem wohlsituierten Bourgeois-Publikum wirkungsvoll vorführte. Daneben die Werke selbst, Originale der heute unumstritten anerkannten Kunst-Heroen, damals durch die Nazis als „entartet“ verfemt. Ausführliche Text-Dokumentationen stellen systematisch Bezüge zu den politischen Ereignissen her und erklären deren Auswirkungen auf die Kunstwelt.

Eine Ausstellung nur für Franzosen?
Weibliche Büste von Aristide Maillol, dem das Museum gewidmet ist
Weibliche Büste von Aristide Maillol, dem das Museum gewidmet ist und dessen üppige Frauen du im obersten Stockwerk bewundern kannst

Als Deutsche durch die Räume der Exposition zu gehen, deren Erklärungstafeln ausschließlich auf Französisch betextet sind, inmitten all der Franzosen, die sich mit der kulturellen Katastrophe der nationalsozialistischen Machtausübung am Beispiel ihrer gefeiertsten Künstler befassen, ist schon ein merkwürdiges Gefühl. Das ausführliche Begleitmaterial gibt anderssprachigen Besuchern keine Chance – alles ausschließlich Französisch. Auch eine beredte Geste im Jahr 2017, oder?

 

 

 

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