Der Maler Hermann Hesse und der Fotograf Martin Hesse im Kunsthaus Apolda

Vater und Sohn: Hermann Hesse mit Martin Hesse
Vater Hermann Hesse mit seinem jüngsten Sohn, dem Fotografen Martin Hesse

In Apolda tobt nicht gerade das Leben. Zwar zieht zurzeit wohl die Thüringer Landesgartenschau mehr Besucher als gewöhnlich in die ehemalige Textilindustriestadt, alte Fabrikgebäude und dazugehörige Villen aus der Gründerzeit verströmen den Charme einstiger Blüte, dennoch prägen leerstehende Ladenräume und ein paar trostlose Billigläden das Stadtbild, die Gastronomie steckt bedauerlicherweise immer noch in den nach-DDR-Kinderschuhen. Ein echter Lichtblick ist da das Kunsthaus Apolda Avantgarde, das ein geschickes Händchen für kleine, aber feine Ausstellungen beweist: letztes Jahr mit einer Restrospektive auf das Schaffen der Fotografin Linda McCartney, die uns zum Kurztripp von Weimar nach Apolda bewegte. Dieses Mal mit einer musealen Premiere: neu entdeckte Aquarelle des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse (1877 – 1962), ergänzt und gleichsam kommentiert durch private Fotos seines jüngsten Sohnes Martin Hesse, seinerzeit ein anerkannter Profi-Fotograf.

Die Ausstellung offenbart eine liebevolle Nähe zwischen Vater und Sohn Hesse
Hermann Hesse, Gedicht und Zeichnung
Gedicht und Zeichnung „Julikinder“

Ich weiß nicht, ob der Steppenwolf von Hermann Hesse bei heutigen Teenys immer noch der Renner ist, bei mir war das so und natürlich habe ich mich bei elegischer Langeweile durch diesen Kultschmöker unverstandener Adoleszenz gekämpft. Siddhartha hatte ich wohl angefangen, aber irgendwie kam mir dann das wirkliche Leben dazwischen.

Ein illustrierter Gedichtband zum Geburtstag des kleinen Martin
Hermann Hesse, Gedicht und Zeichnung
Gedicht und Zeichnung „Kleiner Knabe“

Bei so viel Hesse-Ignoranz eröffnen mir die farbfrohen Aquarelle, die oftmals Gedichte illustrieren, einen neuen und zwar niedrigschwelligen Zugang zum Literatur-Granden Hesse. Charmant sind die leicht vergilbten Doppelseiten Bild/Gedicht aus einem Band, als Geburtstagsgeschenk dem kleinen Martin gewidmet. Hermann Hesses Familienleben fand für die drei Söhne mit der Trennung der Eltern 1919 ein frühzeitiges Ende. Martin wuchs teils bei einer Pflegefamilie auf. Trotz allem sprechen die Fotografien wie auch die Gedichte mit den naiv anmutenden Zeichnungen von einer liebevollen Nähe zwischen Vater und Sohn.

Das Malen rettete Hesse über Schaffens-Krisen hinweg
Hermann Hesse: Tessiner Haus
Tessiner Haus von Hermann Hesse

Dass seine Stärke mehr im Wort als im Bildnerischen liegt, war dem Autor und Dichter Hesse bewusst:

„Nicht, dass ich mich für einen Maler hielte, aber das Malen ist wunderschön. Man hat nachher nicht wie beim Schreiben schwarze Finger, sondern rote und blaue.“ (Hesse 1925)

Vor allem in Schaffenspausen und Schreibkrisen rettet ihn die Hinwendung zu Farbe und Landschaft – die überwiegende Anzahl der Motive entstammen seiner Tessiner Umgebung: du siehst südländisch gelb, ocker und rot strahlende Orte, einfache kubische Häuser, sommerliche Gärten vor den schneeweißen Alpengipfeln am Horizont. Diese malerisch offenbarte Naturverbundenheit bestätigen zahlreiche Fotos des Sohnes, die den alten Hermann Hesse vergnügt und hingebungsvoll bei der Gartenarbeit zeigen.

Das Los des Sohnes: im Schatten des berühmten Vaters
Foto-Installation im Kunsthaus Apolda Avantgarde
Foto-Installation im Kunsthaus Apolda Avantgarde

Bleibt auch der berühmte Vater der stärkere Magnet für diese hübsch gehängte und verständnisvoll kommentierte Ausstellung, so setzt sie doch auch dem weniger bekannten Sohn ein freundliches Denkmal. So wie auch Apolda im Schatten der Klassikerstadt Weimar ein wenig mehr Aufmerksamkeit gebührt. 🙂

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