Anita Rée und Jeanne Mammen. Künstlerinnen der 1920er und 30er Jahre in Hamburg und Berlin.

Das Lebenswerk zweier Künstlerinnen im Hamburg und im Berlin der 20er Jahre
Zwei Künstlerinnen im Selbstportrait: Anita Rée und Jeanne Mammen
Anita Rée und Jeanne Mammen im Selbstportrait

Anita Rée in der Hamburger KunsthalleJeanne Mammen in der Berlinische Galerie:
zwei Künstlerinnen derselben Generation, zwei Zeuginnen der bewegten 1920er und 30er Jahre, zwei Chronistinnen ihrer Zeit mit einem klaren, intensiven Blick darauf. Im eher biederen Hamburg und Meer-umtosten Norddeutschland die eine – im wilden, erotischen, tanzenden Berlin die andere. Sie selbst sind jung, begabt und selbstbewusst, beide kommen aus gutbürgerlichen Familien, die ihre künstlerische Laufbahn fördern. Reiner Zufall, dass mit diesen Ausstellungen die beiden Großstädte zeitgleich ihre damals berühmten und heute fast vergessenen Töchter feiern. Spannend die Parallelen in beider Leben, natürlich auch die Unterschiede.

Sie sind Teil der maßgeblichen Kunstszene ihrer Zeit
Jeamme Mammen, Caféterrasse im KaDeWe, kubistisch inspiriert
Dieses kubistisch anmutende Bild von Jeanne Mammen zeigt die Caféterrasse des KaDeWe.

Anita Rée wird 1885 geboren, Jeanne Mammen 1890. Beider Familien blicken und leben über Deutschlands Grenzen hinaus – Anitas Mutter stammt aus Lateinamerika, ihr Vater ist als jüdischer Kaufmann international unterwegs, Jeannes Eltern ziehen nach Paris und bleiben mit ihren Töchtern bis 1915 in Frankreich.

Sicher nicht unbeeinflusst von Picassos blauer Phase: Frau in Blau von Anita Rée
Die Frau in Blau von Anita Rée erinnert an Picassos blaue Phase

Der Ausbruch des 1. Weltkrieges macht ihnen die weitere Existenz im nunmehr „feindlichen“ Land unmöglich. Auch Anita lernt die Kunstmetropole Paris, Zentrum der Moderne und des Impressionismus, im Winter 1912/13 kennen, lebt einige Zeit in Italien. Beide setzen sich in ihrer Arbeit mit den zentralen Akteuren der aktuellen, weltweit maßgeblichen Kunstszene auseinander, so ist der Einfluss der verschiedenen Stilphasen Picassos in beider Werk deutlich zu sehen. In ihrer weiteren Entwicklung bis in die 70er Jahre hinein lässt Jeanne sich vom internationalen künstlerischen Umfeld inspirieren, sie ist tief beeindruckt von Picassos Monumentalwerk Guernica und greift Motive daraus auf, reduziert sich in ihrer späten Schaffensperiode teilweise auf weiße Hintergründe mit minimalistischen Farbakzenten, wie man es z. B. von Cy Twombly in den 50er und 60er Jahren kennt.

Die eine überlebt die Nazi-Zeit, die andere nimmt sich 1933 das Leben
Jeanne Mammen greift den Würgeengel von Picassos Werk "Guernica" als Motiv auf
„Der Würgeengel“ von Jeanne Mammen, 1939 – 1942

Womit wir bei einem der traurigsten biographischen Unterschiede zwischen den beiden Künstlerinnen angelangt sind: ein Spätwerk von Anita Rée gibt es in diesem Sinne nicht, denn sie nimmt sich bereits im Dezember 1933, tief deprimiert von den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland, das Leben. Jeanne Mammen stirbt 1976, nach Jahren der inneren Emigration während der Nazizeit und auch später noch, nach einem hoch produktiven und immer wieder von Anerkennung und Erfolg erfüllten Leben.

Eines der letzte Bilder Anita Rées: Nordsee
Nordsee-Impression von Anita Rée, 1932/33

Faszinierend ist dennoch in beiden Retrospektiven gleichermaßen die Fülle und Vielfalt der ausgestellten Arbeiten, ihre Bezüge zur damaligen gesellschaftlichen Situation und auch die Veränderungen in den Malstilen wie in den Motiven. Natürlich hat da Jeanne Mammen ungleich mehr zu bieten als Anita Rée, schließlich wird sie fast doppelt so alt und kann sich ihre Schaffenskraft auch über die Jahre des Arbeitens im Verborgenen während des NS-Regimes hinweg retten.

Frauen sind ihre liebsten Motive
Eines der vielen Frauenportraits von Anita Rée
Anita Rée, Frauenportrait

Ihre Selbst-Verortung als moderne Frauen in einer sich extrem verändernden Gesellschaft zieht sich bei Rée wie bei Mammen als Leitmotiv durch das gesamte Werk. Frauen sind ihr liebstes Motiv. Doch während Jeanne ihre Protagonistinnen meistens im Umfeld ihrer Milieus zeigt, sei es in der glitzernden Welt der Bars und Variétés, sei es auf den Straßen der Metropole, konzentriert sich Anita ganz auf die Portraitierten, deutet höchstens durch Hintergründe eine räumliche Perspektive an.

Homoerotische Liebe wird in der Metropole Berlin tabulos gefeiert
Aus der Serie "Bilitis", 1930 - 32, Farblithographie von Jeanne Mammen
Jeanne Mammen, Farblithographie aus der Serie „Bilitis“, 1930 – 32

Mammens zeichnerischer Stil mutet in den Großstadtszenen der 20er/30er Jahre grafischer an, Farben werden eher sparsam eingesetzt. Rée schöpft bei ihren Portraits farblich aus dem Vollen, schwelgt am liebsten in satten Gold- und Rottönen, setzt sparsame Akzente durch Accessoires und Details in der Kleidung. Beider Blick auf das eigene Geschlecht ist dabei eindeutig erotisch.

Kleine Frauenakte stehen im Zentrum einer ganzen Postkarten-Serie von Anita Rée
Eine von 12 Postkarten mit kleinen Frauenakten von Anita Rée

Und während Jeanne Mammen ganz offen lesbische Beziehungen thematisiert, lässt sich für Anita Rée nur vermuten, dass auch sie sich privat mehr zu Frauen hingezogen fühlt.

Eine weitere von 12 Doppelbusen-Karten von Anita Rée
Anita Rée nannte die Serie „Doppelbusen-Karten“

Eine ganze, sehr amüsante Postkartenserie zeigt Frauenakte in Miniaturgrößen mit betonten Brüsten und auch sonst recht freizügig sexuellen Bezügen. In den ausführlichen Texten zur Ausstellung findest du nur eine eher kunsthistorische Deutung: „In ihren „Cartolinas“ feierte Anita Rée die weibliche Sexualität mit einem Feuerwerk aus Phantasie, Humor und Lebensfreude. Ihre leuchtendroten Brustbilder handeln von Sinnlichkeit und erzählen stolz von weiblicher Gestaltungskraft.“ Ah – ja.

Die politischen Verhältnisse prägen ihr Leben wie ihre Kunst
Jeanne Mammen kommentiert die politischen Verhältnisse mit dem Wolf auf der Wirtschaftsseite der Berliner Tageszeitung
Der Wolf auf der Wirtschaftsseite der Berliner Tageszeitung – Jeannes Metapher für die politischen Verhältnisse

Dass Rée und Mammen sich intensiv mit den politischen Verhältnissen auseinandersetzen, beziehungsweise sich auseinandersetzen müssen, lässt sich auch an ihren Bildern ablesen. Beide Künstlerinnen thematisieren auch soziale Ungleichheit, Armut, das Leben auf den Straßen ihrer jeweiligen Stadt.

Jeanne Mammen, Zeichnung für ein Modemagazin
Moderne Frauen, vielleicht Studentinnen? Modezeichnung von Jeanne Mammen

Überhaupt zeigt sich an den Möglichkeiten von Frauen der Wandel einer Gesellschaft am deutlichsten: sexuelle Selbstbestimmung, das öffentliche Erscheinungsbild, Frauen als Mütter, Bildung und Mode – all diese Themen beschreiben den Zustand einer Epoche.

Berlin bei Nacht in den 1920er Jahren – Lithographie von Jeanne Mammen
Nachtclub-Szene von Jeanne Mammen

Jeanne Mammen und Anita Rée sind als bildende Künstlerinnen mehrfach betroffen:

einmal als Zeugnis ablegende kreativ Schaffende, dann als Frauen mit unkonventionellen Lebensentwürfen, die sie schnell an den Rand einer auf Konformität achtenden Gesellschaft bringen können. Nicht zuletzt als moderne Malerinnen, deren Ideen und schöpferische Kraft von den faschistischen Machthabern ab 1933 bis zur Kapitulation 1945 bekämpft, verfolgt, vernichtet wurden.

Als Tochter eines jüdischen Vaters ist Anita Rée in besonderem Maße betroffen
Frau mit roter Blume von Anita Rée
Anita Rée: Frauenportrait

Anita Rée ist als Tochter eines jüdischen Vaters zusätzlich betroffen – vielleicht ein Grund mehr für ihren Schwermut nach der Machtübergabe an die Nazis. Jeanne Mammen überlebt Nazis und Krieg, entwickelt ihre Malerei weiter und wird als alte Frau mit Ausstellungen in Galerien und Museen gewürdigt. Ich persönlich finde ihre Arbeiten in den Jahren vor ’33 am stärksten, relevantesten. Ein Besuch der jeweiligen Ausstellung lohnt sich jedenfalls in Hamburg wie in Berlin!

"Die 5 klugen und die 5 törichten Jungfrauen" –Wandfries von Anita Rée für die Hauswirtschaftsschule in der Uferstraße
Diesen Wandfries mit dem Motiv der fünf klugen und der fünf törichten Jungfrauen malte Anita Rée 1928 für eine Hauswirtschaftsschule in Hamburg, heute Berufliche Schule Uferstraße. Die damals konservative Lehrerschaft empörte sich über die Freizügigkeit der Darstellung, die Nazis zerstörten das Bild.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s