Heimat zum Ersten und zum Zweiten – Bilder von Peter Bialobrzeski im Haus der Fotografie

Heimat – die Beziehung zwischen Mensch und Ort
Peter Bialobrzeski: Die zweite Heimat im Haus der Fotografie
Deutsche Flusslandschaft. Wandfüllendes Foto als Entrée zur Ausstellung „Die zweite Heimat“

„Die zweite Heimat“ nennt Peter Bialobrzeski die Fortführung seines Deutschland-Projektes „Heimat“, dessen sprechenden Bildern du zurzeit im Haus der Fotografie Wand an Wand, vis à vis zur Alec Soth Ausstellung „Gathered Leaves“ zuhören und -sehen kannst. Der Fotograf mit dem schier unaussprechlichen Namen ist mir bereits vor Jahren durch riesenformatige Fotografien aufgefallen, die das genaue Gegenteil von Heimatgefühl erzeugen:

Neon Tigers - Fotoarbeiten von Peter Bialobrzeski
„Neon Tigers“ – großformatige Fotoserie von Bialobrszeski, ausgestellt 2004 in Hamburg

die gigantischen Mega-Cities Bangkok, Hongkong, Shanghai, Shenzhen, Jakarta und Kuala Lumpur inszenierte er da als Neon Tigers in einem zwischen Tag und Nacht irreal wirkenden Licht, das der gigantomanen Architektur eine mystische, kalte Schönheit verleiht. Die langzeitbelichteten Aufnahmen wirken menschenleer und kulissenhaft,

Aus der Ausstellung "Neon Tigers" von Peter Bialobrzeski
Neon Tigers von Bialobrzeski: Hinter jedem Fenster Heimat.

du fragst dich, ob es diese urbanen Labyrinthe tatsächlich auf unserem Planeten gibt oder ob es sich hier um eine Zukunftswelt, entsprungen einem perfektions-getriebenen Science Fiction Szenario, handelt? Kann etwas derart Fremdes jemandem HEIMAT sein? Antwort: Klar, kann es, Millionen Menschen leben in diesen Städtegiganten der asiatischen Tigerstaaten und werden eine Verbundenheit zu den ihnen vertrauten Schauplätzen ihres Lebens empfinden, auch wenn es das Wort HEIMAT so nur im Deutschen gibt.

Das Wort HEIMAT gibt es so nur im Deutschen. Und das Gefühl?
Peter Bialobrzeski: Fototapete aus der Arbeitsgruppe "Heimat"
„Heimat“ nach Bialobrzeski: Motiv wie bei Caspar David Friedrich

Auch die Schau in der südlichen Deichtorhalle eröffnet mit zwei wandfüllenden Großformaten aus der vorhergehenden Werkschau „Heimat“, die auf den ersten Blick wie Zitate romantischer Landschaftsmalerei wirken. Bei genauem Hinsehen registriert dein Auge, dass es sich dabei um fotografischen Realismus der Jetztzeit handelt und die Menschen davor wahrscheinlich gerade dem Foto entstiegen sind.

Lebensräume jenseits ästhetischer Hochglanz-Inszenierung
Die zweite Heimat: genau hinschauen löst Beklemmung aus
Gewollte Freude neben gewollter Nüchternheit: Tristesse réale

Nun die zweite Heimat: Deutsche Lebensräume, die jenseits ästhetischer Inszenierung und touristentauglichem Klischee so sind, geworden sind im alltäglichen Leben „… im Fremdvertrauten, wo sich Garagentore, Laternen und Tankstellen aneinanderreihen.“, so der Begleittext. Typisch Deutsch also? Oder: typisch Alltag, geformt von Vergangenem und Gegenwärtigem ohne Rücksicht auf das Bedürfnis nach Geborgenheit, wobei die sich ja verrückterweise ohnehin einstellen wird für den, der hier eben seine Heimat hat.

Wie viele Heimaten gab und gibt es in einem Land?
Peter Bialobrzeski: Heimat zwischen 1983 und 2005
Wieviel Vergangenheit gehört zum Gefühl der Heimat?

Das Narrativ der Ausstellung mit 40 Aufnahmen der letzten Jahre wird vervollständigt durch einige Fotos Bialobrzeskis aus seinem ersten Zyklus „Heimat“ aus den 80er und 90er Jahren. Beide Arbeiten führten den Hamburger Fotografen quer durch unser Land – in den 80ern dabei auch über die innerdeutsche Grenze von einem Deutschland in das andere. Heimat kann sich also auch ganz schön verändern in ziemlich kurzer Zeit. In welcher Weise sich das auch in den Bildwelten spiegelt, dem kannst du jetzt noch bis zum 7. Januar 2018 im Haus der Fotografie nachspüren, denn jedes Foto erzählt eine ganz eigene Geschichte von etwas, das Heimat war und ist.

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