Dem Glück des Gehens auf der Spur

Loslassen, um das innere Gleichgewicht wiederzufinden
Sentiero degli Dei - der Weg der Götter
Der Weg der Götter an der Amalfiküste

Als Auszeit bzw. Ausweg von einem durch Zwänge und Verpflichtungen bestimmten Leben wenden sich immer mehr Menschen dem Fortschreiten auf eigenen Füßen zu. Und lassen dabei los: das Steuer ihres Autos, die Sicherheit ihres Zuhauses, die Bequemlichkeit ihrer Komfortzone, um sich für eine Weile auf die Kraft und Energie ihrer Füße und ihrer selbst zu verlassen. „Gelassenheit ist ein Schlüsselwort der neuen Lebenskunst.“ analysiert Ulrich Grober in seinem Textband „Vom Wandern“ diese moderne Form der Freizeit-Migration.

Multipler Wegweiser auf den Königswegen Gran Canarias
Viele Wege zu begehen, hier Königswege auf Gran Canaria

„Ihr Grundgedanke steckt im Wort ‚lassen’. Dinge lassen, also verlassen, auslassen, loslassen, in Ruhe lassen, unversehrt lassen, geschehen lassen – das ist ein Gegenentwurf zur Lebenswelt der beschleunigten Moderne.“ Und er schließt seine eigenen Einlassungen zum Thema mit der glückversprechenden Einsicht: „Von allen Methoden zur Einübung von Gelassenheit scheint mir der aufrechte Gang die allereinfachste: Der Weg ist frei.“*

Gehend der Welt und sich selbst begegnen
Herbst am Comer See
Über dem Comer See am Sentiero Viandante

Im Rhythmus der Schritte zum eigenen Ich finden, die Erfahrung des Weges zum Ziel erklären und sich dabei selbst möglichen Widrigkeiten aussetzen – viele Zeitgenossen haben das Pilgern als spirituelles oder zumindest bedeutsames Erlebnis für sich entdeckt.

Kaum ein Wanderweg, auf dem du nicht irgendwann die Jakobsmuschel als Markierung entdeckst, die den Weg nach Santiago de Compostella, zum Grab des Apostels Jakobus, weist.

Auch in fränkischen Wäldern finden sich Jakobsweg-Zeichen
Kennzeichnung des Jakobsweges in Franken

Die mittelalterliche Pilgerreise trat man aus zwei unterschiedlichen Motiven an: entweder als Buße für eine sündhafte Tat oder zum Einlösen eines getanen Schwurs. Heute werden Pilgerwege oft von Menschen angestrebt, wenn sie in Krisensituationen nach einem Ausweg suchen oder an Richtungswechseln in ihrem Leben stehen. Dabei möchten sie das verlorene innere Gleichgewicht wiedergewinnen und finden es im Gehen.

Wandern als Lebensbestimmung: die Songlines der Aborigines

Buchtitel: Bruce Chatwin, Der Nomade

Bruce Chatwin, britischer Reiseschriftsteller und Erfolgs-Autor, liebte das Gehen. Ob durch die Wüsten Australiens, Nord-Afrikas oder Patagoniens, jedes Land erkundete er zu Fuß, erging sich die Landschaften, begegnete den Menschen auf Augenhöhe. In seinem Kultroman „Traumpfade“ (englisches Original: The Songlines) widmet er viele Seiten seinen philosophischen Betrachtungen über das Wandern, das Gehen und das Nomadentum, das er als die ursprünglichste – und ideale – menschliche Lebensform versteht. Wurzeln davon findet er in den Traditionen der Ureinwohner Australiens, nach denen jeder Stammesangehörige seinem eigenen Weg folgt, der in Liedern beschrieben ist. Diese Auffassung ist ethnologisch nicht wissenschaftlich fundiert und entspringt einem eher romantisierenden Blick auf die Entwicklungsgeschichte. Sei’s drum.

Die Songlines stellen für Bruce Chatwin die Ur-Identität der Menschheit dar

Den Erschaffungsmythos erzählt Chatwin so: „Jeder der Alten (…) setzte seinen linken Fuß voran und rief einen zweiten Namen. Er setzte seinen rechten Fuß voran und rief einen dritten Namen. Er benannte das Wasserloch, die Riedbeete, die Gummibäume – er rief nach rechts und nach links, er rief alle Dinge ins Dasein und verwob ihre Namen zu Versen. Die Alten sangen ihren Weg durch die ganze Welt.“ ** Auf diese Weise erfülle jeder Ur-Australier seinen Lebenssinn, wenn er die ihm zugedachte Songline gegangen ist, der gesamte Kontinent sei mit in Songlines festgehaltenen Koordinaten überzogen. Für den Geschichtensammler Chatwin stellen diese Wege die Ur-Identität der Menschheit dar, der man sich gehend, wandernd nähert. Eine spezielle Form des „Zu-Sich-Kommens“ von universeller Gültigkeit: „Ich habe eine Vision von den Songlines, die sich über Kontinente und Zeitalter erstrecken; daß, wo immer Menschen gegangen sind, sie die Spur eines Lieds hinterließen (…) und daß diese Spuren in Zeit und Raum zu isolierten Inseln in der afrikanischen Savanne zurückführen, wo der erste Mensch den Mund öffnete (…) und die erste Strophe des Weltenlieds sang: ‚ICH BIN!’“ *

Unsere Füße sind für Stabilität und Dynamik gebaut
Barfuß gehen ist nach Andrea Bubos am besten
Physiotherapeutin Bubos: „Füße sind auch Lebewesen“

Der freie Weg, Kraft und Freiheit der Bewegung stehen im Zentrum der Arbeit von Andrea Bubos, Physiotherapeutin und Dozentin für Spiraldynamik in Hamburg. Sie schenkt dem Gehen als fundamentalste, ganzheitliche Bewegung besondere Aufmerksamkeit – und damit natürlich den Füßen. Zu unserem Gespräch in ihren Praxisräumen holt sie gleich ein Fußskelett-Modell, um die Prinzipien der Spiraldynamik zu veranschaulichen. „Unser Fuß ist für Dynamik und Stabilität gebaut, deshalb ist die Ferse verstärkt und aufgerichtet, die Zehen sind beweglich, der große Zeh liegt am Boden.“ zeigt sie das Bewegungsprinzip am Knochengerüst. Wer kontinuierlich geht, atmet tief und bewegt damit den Brustkorb, den Beckenboden, was wieder Impulse auf die Sohlenmuskulatur überträgt.

Das Prinzip der Spiraldynamik: Rotation und Gegenrotation

„Die Spirale als dreidimensionales Prinzip beschreibt den Grundsatz unserer Bewegung, Rotation und Gegenrotation wirken dabei zusammen. Daraus entsteht das Einmaleins der menschlichen Bewegungskoordination, eine Verkettung von Schrägsystemen wirkt in unserem ganzen Körper,“ erläutert sie ihren Ansatz.

Fußhirn gegen Großfuß - auf der Nordart
Raus aus den Schuhen, rein ins Verstehen!

Gibt es ihrer Ansicht nach eine Verbindung von Gehen und dem seelischen Zu-Sich-Kommen des Menschen? „Ja, auf jeden Fall. Aber dazu muss ich keine Ahnung von Spiraldynamik oder dem ‚richtigen Gehen’ haben. Ich kann auch tiefgreifende Erlebnisse beim Wandern mit Knickfüßen haben. Im Sinne der Spiraldynamik spreche ich von koordiniertem Gehen. Dessen kann man sich bewusst werden, man kann es lernen.“ Zum Beispiel in ihrer Fußschule oder im Workshop „Raus aus den Schuhen und rein ins Verstehen. Fuss, Knie, Becken ­– und was bewegt sich noch?“

Physiotherapeutin Bubos: „Es geht darum, ein Fußhirn zu entwickeln.“
Glücklich auf Schusters rappen
Glücklich auf Schusters Rappen

Sollte man denn besser auf Schuhe – also auch auf Wanderstiefel – verzichten, um das Gehen besser erleben zu können? „Es ist sinnvoll, die Schuhe zumindest mal für ein paar Meter zur Seite zu legen. Es soll bloß kein Stress werden, man muss nicht auf der Schotterstraße damit anfangen, sondern eher auf einer Wiese. Meine Fußschule ist immer barfuß. Es geht auch darum, den Fuß genau anzuschauen, ihn dem Hirn näher zu bringen, ein Fußhirn zu entwickeln. Den Tastsinn einzuschalten, die unterschiedlichen Untergrundangebote wahrzunehmen.“ Bubos plädiert für mehr Zehenfreiheit. „Füße sind auch Lebewesen!“ lacht sie.

aus: Kosmetik International 06/17
aus: Kosmetik International 06/17
  • Ulrich Grober, Vom Wandern. Neue Wege zu einer alten Kunst, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, April 2011
    ** Alle Chatwin-Zitate aus: Bruce Chatwin, Traumpfade, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, FfM, September 1992
    Dieser Artikel wurde in der Fachzeitschrift „Kosmetik International“ Nr.6/2017 veröffentlicht.

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