Das schöne Sein und seine Grenzen – mit den Augen der Fotografin Madame d’Ora

Zeugnisse des glamourösen Lebensstils vergangener Zeiten
Kundinnen im damals berühmten Modehaus Zwieback in Wien, 1913
Im Wiener Modehaus Zwieback 1913

„Madame d’Ora“ – im französisch klingenden Künstlernamen der Wiener Fotografin Dora Philippine Kallmus schwingt das goldene Zeialter mit, d’or heißt aus Gold. So gibt bereits das Pseudonym der ersten Frau in der Mode- und Gesellschaftsfotografie Aufschluss über ihr künstlerisches Anliegen, zumindest in der ersten Hälfte ihrer Schaffensperiode. Die Reichen, Berühmten, Schönen wurden in ihren Ateliers in Wien, Karlsbad und Paris mit dem modernen Medium der Fotografie ins beste Licht gesetzt, Schwarz/Weiß, versteht sich. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) kannst du durch die gerade eröffnete Ausstellung flanieren, entlang den wunderbar sepiafarbenen Vintage-Fotografien ein Stück Zeit- und Kulturgeschichte wie in einem reich bebilderten Hochglanzmagazin durchschreiten.

Zwischen Monarchien und Weltkriegen, Modernität und Massenvernichtung
Ausstellung "Madame d'Ora" im MKG Hamburg: Selbstportrait der Fotografin 1929
Dora Philippine Kallmus alias Madame d’Ora – Selbstportrait 1929

Die 1881 geborene Tochter eines Wiener Hofgerichtsadvokaten war Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris und Wien bei der High Society, aber auch der Intellektuellen- und Künstlerszene heiß begehrt, wenn es darum ging, sie vorteilhaft zu inszenieren. Doch abgesehen vom Reiz dieses glamourösen Lebensstils bis in die 30er Jahre hinein legen die Fotografien auch Zeugnis ab von den heftigen gesellschaftlichen Umbrüchen zwischen überlebten Monarchien und blutigen Weltkriegen, zwischen wegweisender Modernität und brutaler Massenvernichtung.

Frauen konnten sich nicht zur Fotografin ausbilden lassen
Madame d'Ora als Werbefotografin für Strümpfe, ca. 1925
Strumpfreklame, ca. 1925

Von all dem findest du im Leben der Madame d’Ora genügend. Zu einer Zeit, als Frauen noch gar keine richtige Ausbildung zur Fotografin absolvieren konnten, arbeitet Dora sich über verschiedene Stationen hoch zum eigenen Atelier in Wien und schließlich 1925 sogar in Paris. Die Medienlandschaft verändert sich gerade gewaltig: Mode- und Gesellschafts- (heute sagt man: Lifestyle-)magazine erobern eine breite Leserinnenschaft, moderne Reproduktionstechniken ermöglichen massenhafte Verbreitung. Von den Portraits eleganter Aristokratinnen und schillernder Stars zur Modefotografie ist es nicht so weit und die ehrgeizige d’Ora liefert ansehnliches Bildmaterial.

Nach dem Krieg inszeniert d’Ora Tod und Vergänglichkeit
Das Vergängliche festhalten – Motive aus Pariser Schlachthöfen
Das Vergängliche festhalten: Ausschnitte aus Stillleben, entstanden in Pariser Schlachthöfen

Mit der Nazizeit kommt der Bruch: Dora Kallmus ist Jüdin und kann nach dem Einmarsch des deutschen Militärs 1940 in Paris weder ihre künstlerische noch ihre wirtschaftliche Existenz retten. Ihre Schwester wird deportiert und ermordet, sie selbst überlebt in Verstecken.

Nach dem Krieg inszeniert d'Ora morbide Szenen, u.a. in Pariser Schlachthäusern
„Die Brüchigkeit des Schönen“: zwei fotografische Inszenierungen aus Madame d’Oras Schaffenszeit nach dem Krieg, rechts aus der Schlachthaus-Serie

Immerhin ist sie fast 60 Jahre alt und muss nun auf die Scherben eines erfolgreichen Lebens blicken, das sie sich als Frau hart erarbeitet hat. Jetzt ändert sich ihr Fokus. In der Nachkriegszeit besucht sie Flüchtlingslager in Österreich, zeigt das Leben der Entwurzelten, nicht ohne gekonnt dramatische Inszenierung. Es entstehen Fotostrecken in Pariser Schlachthäusern, wo sie tote Tiere drapiert und nah ans Auge des Betrachters rückt. Verstörende Bilder, gerade auch wegen der stilistischen Parallelen zu ihren früheren Arbeiten.

Ab da war Schluss mit dem schönen Schein
Madame d'Ora fotografiert in den 20er Jahren viele Bühnenstars und Sternchen. Hier die Chansonette Mistinguett
Chansonette Mistinguett, ca. 1928

Für mich ist Dora Kallmus alias Madame d’Ora eine totale Neuentdeckung, dem MKG sei Dank. Spannend an der Ausstellung finde ich vor allem d’Oras Verarbeitung ihrer persönlichen tragischen Erfahrungen in ihrem fotografischen Werk; wie sie versucht, Bilder für Vergänglichkeit und Tod zu finden. So als möchte sie uns heute sagen: ab da war Schluss mit dem schönen Schein.

Nacktfoto von Josephine Baker
Ikone: Josephine Baker

Zum größten Teil besteht die Präsentation aus genau diesem – und wenn du dich auf das ernüchternde Ende gefasst machst, kannst du da einfach die wunderschönen Vintage-Fotos von attraktiven Menschen in tollen Klamotten – oder auch ohne – genießen! Übrigens: Dora starb 1963, nachdem sie 1959 durch einen Autounfall ihr Gedächtnis verloren hatte. Die Ausstellung läuft noch bis zum 18. März 2018.

Coco Chanel. 1923
Coco Chanel ganz unprätentiös und einfach smart
Ausstellungsplakat des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe zur Fotografin Madame d'Ora
Plakatmotiv des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg zur Ausstellung „Madame d’Ora“ – verstehe ich nicht, warum hält sich da jemand die Augen zu? Und ist das eine Frau oder ein Mann?

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