Gute Aussichten Deluxe – Best of … der jungen deutschen Fotografie

Draußen grau und trist – drinnen schillernd bunt. Gute Aussichten. Deluxe.
Reflektierender Bilderrahmen macht nur Selfie möglich
Welle deluxe bei Gute Aussichten Deluxe 🙂

Manche Eindrücke brauchen einfach Zeit, bevor sie einen so richtig erreicht haben. Mit der Sonderschau „Gute Aussichten Deluxe – junge deutsche Fotografie nach der Düsseldorfer Schule“ im Haus der Fotografie in Hamburg jedenfalls geht es mir so. Ob es nun an den Menschenmassen liegt, die sich zur langen Event-Nacht durch die südliche Deichtorhalle quetschen, an der extremen Unterschiedlichkeit der ausgewählten Arbeiten oder einfach an meiner Tagesform – hm … Doch seitdem ploppt das eine oder andere Bild immer mal wieder in meinem Bewusstsein hoch, was ja eindeutig Zeichen für nachhaltige Wirkung ist. Und weil der Februar in Hamburg draußen nicht wirklich viel zu bieten hat: das Haus der Fotografie breitet vor dir mit 25 Positionen von Preisträgern der bisherigen 13 Jahrgänge „Junge deutsche Fotografie“ ein schillernd buntes Spektrum an Aus-, Ein- und Ansichten aus.

Die Freude am Spiel mit dem Bild vor und hinter dem Auge
Claudia Christoffel: Fun, Gute AUssichten Deluxe
Claudia Christoffel: Fun – woran erinnert einen bloß diese Formensprache?

Von der reinen Lust an Struktur und Form über technische Raffinessen bis zur sozial engagierten Geschichtenerzählung spannt sich der narrative Bogen der gezeigten Foto-Serien. Ein gemeinsamer Nenner lässt sich schwer finden, außer eben dem Genre Fotografie. Doch die Kuratoren sind einfallsreich: „nach der Düsseldorfer Schule“ wird als zusammefassender Bezugsrahmen im Titel genannt.

Nach der Düsseldorfer Schule ist heute doch alles.
Gute Aussichten Deluxe:Selfe mit mystischer Landschaft
Selfie in mystischer Landschaft – einfach mal in einem Foto abtauchen …

Gemeint ist damit der Fotograf und Inhaber von Deutschlands erster Professur für Fotografie Bernd Becher, der zusammen mit seiner Frau Hilla Becher dem Medium Fotografie einen neuen Stellenwert verschafft hat. Die Bechers zogen in den 70er Jahren durch das Ruhrgebiet und fotografierten zum Beispiel alte Fördertürme oder Gasometer – der industriell gestaltete öffentliche Raum als Zeitzeugnis wurde von ihnen in streng formal gestalteten Schwarz-Weiß-Serien dokumentiert.

Die 2. Generation der jungen Fotografen geht ihre eigenen Wege
Jenseits der neuen Sachlichkeit: Anna Bournonville in der Ausstellung "Gute Aussichten Deluxe"
Jenseits der neuen Sachlichkeit: Anna Bournonville, Ludere aus der Serie Blindfell, analoger Colour Print

Das Foto erhielt damit nicht nur einen Stellenwert als bewusst sachlich gehaltenes Zeitdokument, sondern auch als modernes, konzeptionell formbares Kunstobjekt, das der sichtbaren Wirklichkeit eine zusätzliche Bedeutung verleiht. Heute international berühmte sowie hochbezahlte Star-Fotografen wie Thomas Struth oder Andreas Gursky waren Schüler der Bechers. Auch wenn die Düsseldorfer Schule richtungsweisend für moderne Fotografie gewesen ist, so impliziert der Untertitel doch auch, dass sich die junge Generation von Fotografen noch 50 Jahre später in Bezug auf diese Erbschaft definiert. Dazu der Text der Kuratoren:

"Hope?!" von Nicolai Rapp aus der Serie "Chicks, Rafs, Hopes (2014 - 1016)
„Hope?!“ von Nicolai Rapp

„Die Ausstellung spiegelt den Fortbestand des Mediums Fotografie in all seinen Facetten und bietet einen einzigartigen Überblick über eine Generation an jungen Fotografen, die, wohl wissend um das Primat der Düsseldorfer Schule, dieses jedoch hinter sich gelassen hat und sich klar in der Gegenwart verortet.“ In Zeiten von Selfies, Instagram und YouTube ist das doch wohl eine Binsenweisheit, dass sich das Medium Fotografie gerade neu erfindet bzw. in einem völlig veränderten gesellschaftlichen Bedeutungsrahmen bewegt.

Die Lust daran, traditionelle Motivformen neu aufzuladen
Stillleben Deluxe: Felix Dobbert, Random Flowers
Random Flowers, also: zufällige Blumen von Felix Dobbert

Aber natürlich reiben sich die jungen Künstler produktiv an traditionellen Formen und Genres. So siehst du mehrere Positionen, die das althergebrachte Stillleben mit moderner Eleganz und Doppelbödigkeit inszenieren.

Felix Dobbert inszenierte Verpackungsmaterial wie eine Raumsonde
Felix Dobbert: Edges. Verpackungsmaterial schwebt in den unendlichen Weiten des Alls

Felix Dobbert drapiert seine perfekt ausgeleuchteten Blumen-Stills wie selbstverständlich mit Plastikmüll und du fragst dich: ist das nun ein technisch perfektes Spiel mit Ästhetik oder eine politische Anklage? Wahrscheinlich beides.

Anna Simone Wallinger: Sodade. Motive von den kapverdischen Inseln, Entrée zur Ausstellung "Gute Aussichten Deluxe"
Anna Simone Wallinger: Sodade. Motive von den kapverdischen Inseln

Dass hinter jedem Motiv eine Bedeutung steckt, die sich allein vom Betrachten her nicht erschließt, gehört wohl zum Anspruch junger Fotografie. Die wunderschönen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Anna Simone Wallinger z.B. zeigen nicht nur die Lust an Struktur und Bewegung, sondern erzählen unter dem Titel „Sodade“ auch die Geschichte von Heimat, Auswanderung und Identitätssuche auf den Kapverdischen Inseln, wie dir der Begleittext erklärt.

Indische Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, zeigt Helena Schätzle
Mutter und Sohn – eine Ikone der abendländischen Frauendarstellung
Indische Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, zeigt Helena Schätzle
Aus der Fotoserie „Mahila“ von Helena Schätzle

Um Schicksale geht es auch in den klassisch inszenierten Portraitaufnahmen von indischen Frauen, mit denen Helena Schätzle vertreten ist. Die leuchtenden Stoffe ihrer Kleidung, die gekonnt ausgeleuchtete Szene, die klassischen Mutter-Gottes-Posen stehen im Gegensatz zur Tristesse ihrer Lebensgeschichte,  die von Verstoßenwerden, Vergewaltigung, Missbrauch erzählt. „Mit Mahila gelingt es Helena Schätzle, diese Leiden eindringlich sichtbar zu machen und gleichzeitig die Würde der Betroffenen zu wahren.“

Nach Gute Aussichten Deluxe kommen Gute Aussichten 2017/18

Zur Sonder-Schau kommt ab dem 14. Februar die Jahresausstellung „Gute Aussichten – junge deutsche Fotografie 2017/18“ dazu. Keine Ahnung, wie dafür noch Platz in der bereits üppig bespielten Deichtorhalle gefunden werden soll. Beide Präsentationen kannst du bis zum 21. Mai besuchen.

Nicolai Rapp, aus der Serie "Chicks, Rags, Hopes", Bleicreme auf Pigment Print
Nicolai Rapp, aus der Serie „Chicks, Rags, Hopes“, Bleicreme auf Pigment Print
Frischer Wind für die neue Fotografie - Installation auf Gute Aussichten Deluxe
Frischer Wind für neue Fotografie

 

 

 

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